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"So?" rief der rohe Mensch, im höchsten Zorn, "es kann sich aber doch fügen, dass ich Euch noch zu meinen Füssen knieend im Staube sehe, um Euern verehrten Bruder vom Galgen loszubitten."
"Das ist zu viel!" schrie Vittoria, ganz ausser sich: "Elender! entferne dich gleich, gleich jetzt in diesem Augenblick! So ein Armseliger, Verächtlicher, will vorgeben, sich herausnehmen, sich so stolz dünken, mich lieben zu dürfen! Er, für den jede Dorfmagd noch zu gut ist, er, den ich so tief verachte, dass der Galeerensklave in meinen Augen höher steht."
Orsini sprang auf, und man konnte fürchten, dass der freche Mensch etwas Schreckliches unternehmen könne. Caporale eilte ihm entgegen und hielt ihn gewaltsam zurück. Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann: "Elender Versedreher", sagte er dann, "Ihr wagt es, mich körperlich anzugreifen."
"O ja", rief dieser erzürnt; "solange ich Hand oder Fuss rühren kann, werde ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame, meine Freundin, gegen Gewalttätigkeiten schützen."
"Sklave!" rief der Graf, und machte sich aus der Umarmung Caporales frei.
"Herr Graf", erwiderte Caporale ruhig; "ich bin unabhängig, frei, man hat mich gewürdiget, mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen."
"O ja", sagte jener; "von ein paar armseligen Burgflecken. Und wenn ich zwanzig meiner Leute hinsende, so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine wohnung ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schloss. Ihr seid mir aber zu verächtlich, um mit Euresgleichen Krieg zu führen. – Und Euch, Accorombona, lass ich nicht, und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt. Die Worte eines Weibes verletzen nicht; und der Teufel, der mich in Glut für Euch entzündet hat, wird mir auch Mittel und Wege zeigen, Euch zu besitzen. So oder so müsst Ihr die Meinige werden."
Er stürmte fort und rannte fast die Mutter um, die ihm in der Tür entgegentrat. Vittoria warf sich laut schluchzend an den mütterlichen Busen, diese aber kam ihr auch mit Tränen entgegen. Caporale tröstete, soviel er vermochte, doch wusste er für den Augenblick keinen Rat. Jetzt empfahl sich der junge Peretti den Frauen, indem er höflich um die Gunst ersuchte, seinen Besuch wiederholen zu dürfen, und die Bekanntschaft, die unter so seltsamen Umständen begonnen hatte, fortzusetzen. In der Tür sagte er halb für sich: "Eine schlechte Polizei in Rom; die wilden Stiere stossen die Menschen in den Strassen um, und die rasenden Grafen rennen in die Häuser hinein."
Zweites Kapitel
Graf Pepoli war für seinen Verwandten eifrig bemüht; aber sosehr die Gerichte den besten Willen zeigten, so wenig war doch Aussicht, dass ihm seine gute Absicht gelingen würde. Der reiche Signor Velluti war verschwunden, und von allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen, wo man ihn hingeschleppt, oder wer ihn in Verwahrung habe. Prozess und Verhöre gegen die Verbrecher waren noch nicht weit gediehen, und ein Advokat, den der Graf schon reichlich beschenkt hatte, gab diesem zu verstehen, es müsse irgendeine mächtige unsichtbare Hand im Spiele sein, die, wie es schon öfter der Fall gewesen, alles verzögere, um diesen oder jenen zu beschützen, oder zu verhindern, dass nicht irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde. In den Gefängnissen selbst, die der Graf fleissig besuchte, hörte er von einem Verbrecher, der schon früher eingefangen war, und jetzt wegen anderer Frevel sein Todesurteil empfangen habe, dass dieser vielleicht imstande sei, einige Nachweisung zu geben. Graf Pepoli liess sich zu diesem verwilderten Mörder hinführen, der mit schweren Ketten an die Wand seines finstern Kerkers geschlossen war, und den er, als geöffnet wurde schreiend traf, indem er eben ein Gassenlied jubelnd absang.
Als der Verruchte hörte, von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei, rief er: "Ei! lebt die alte ehrliche Haut noch, und ist noch nicht gehängt? Nun, das freut mich, grüsst den Kumpan nachher von mir recht herzlich, er wird es wohl schon erfahren haben, dass ich mich übermorgen auf die grosse Reise begebe. Ja, ja, mit mir ist es dermalen aus, und ob man noch einmal von vorne anfangen kann, steht dahin. Je nun, ich bin seit lange darauf vorbereitet; nach den Gesetzen hätte ich schon zehnmal den Tod verdient. Versteht mich, was man so nach den Gesetzen nennt, die aber niemals ausgeübt werden, als wenn unsereins keinem mehr schaden oder nützen kann. Ja, ich habe, und nicht bloss durch meine eigene Schuld, meine Beschützer verloren. Ehemals war ich besoldet von recht frommen, tugendhaften Leuten auch grossen und mächtigen: die haben mir oft durchgeholfen. Ich war nur Dolch und Messer: diese Reichen, Verehrten, denen jedermann mit Respekt aus dem Wege ging, waren die Hand. Meinetalb, ist doch die Welt einmal so eingerichtet."
Als der Mörder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte er ein Weilchen nach, dann sagte er: "kommt mir einmal ganz nahe, werter Herr, dass ich eure Physiognomie betrachten kann, denn es ist so verdammt finster hier, und Ihr seht wohl dass