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Camillo: doch noch einen Schritt näher, und sie sah, wie sehr sie sich getäuscht hatte; denn in diesem Jüngling war keine Spur jener bäurischen Treuherzigkeit, die ihr an ihrem Jugendgespielen immer so wohl gefallen hatte, und sie erschrak fast, als sich in diesem Augenblick sein schwebendes, unbedeutendes Lächeln in einen Ausdruck von rohem Trotz und Gemeinheit verwandelte; denn er zankte plötzlich mit einem seiner Begleiter und drohte diesem, einem grossen starken Menschen, sogar mit der Faust. Vittoria war getröstet und beruhigt, als sich unerwartet der alte Hausfreund Caporale zu ihr gesellte. Indem beide nach der wohnung der Accoromboni gingen, fragte sie: "Wer ist dieser junge Bursche, der sich so seltsam gebärdet? Er scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttersöhnchen, die sich durch Erbärmlichkeiten wichtig machen wollen. Solche alberne Kreaturen fangen oft aus leerem, langweiligen Mutwillen Händel an, die zu Unglück und Verderben ausschlagen."

"So ist dieser nicht", antwortete Don Cesare; "er ist das friedfertigste Gemüt auf Erden, und meint nur als römischer Neuling, er müsse sich doch vor jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen, lebhaftes Gespräch, scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehn geben; am eifrigsten so bemüht, wenn Fremde ihn beobachten, oder gar eine Dame ihn ihrer Aufmerksamkeit würdiget. Und so war es nur ein kleines, improvisiertes Schauspiel, was er Eurer schönen Gegenwart als Huldigung darbot."

Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort: "Dieses Bürschchen ist der Abkömmling von armen Bauersleuten, sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in einem ganz kleinen Städtchen die Schule besuchen lassen; dann haben ihn Mönche in die Zucht genommen und unterrichtet, und endlich, da er ganz erwachsen ist, hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen, um zu sehen was aus ihm zu machen wäre. Dieser Vormund ist nämlich kein anderer, als der alte, hinfällige Kardinal Montalto, der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anständig versorgt sehen möchte. Er wollte ihn zum Geistlichen machen, weil er, da ihm Reichtum und liegende Besitztümer fehlen, ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen konnte. Davon will aber der schwache Mensch, in dem Punkte eigensinnig, nichts wissen, und Ihr habt selbst gesehen, wie wenig er zum Priester geeignet ist."

Indem entstand hinter ihnen ein grosses Geschrei, und sowie sich Caporale umwendete, stürzte ihm zu seiner grossen Verwunderung derselbe Jüngling, von welchem sie eben gesprochen hatten, leichenblass und mit allem Ausdruck der Angst an die Brust, indem er laut schrie: "Er kommt! er kommt!" Vittoria blickte um, und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite, welchem der junge Bursche mechanisch folgte, der sich noch immer mit dem Alten fest umarmt hielt. Einer von den Stieren, die frei, an langen nachschleppenden Seilen in Rom von mehreren Reitern, die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen, eingeführt werden, war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen hinab, Schlächter, Jungen und Alte hinterdrein, die Menschen, die entgegenkamen, zur Seite springend, um nicht beschädigt zu werden.

"Die Gefahr ist vorüber, mein Herr Peretti", sagte der Dichter. "fasst Euch, Ihr zittert und seid fast ohnmächtig."

"Wir sind unserer wohnung ganz nahe", sagte Vittoria, "tretet zu uns ein und erquickt und erfrischt Euch."

"Sehr gnädig, Signora", sagte der Jüngling; "es ist aber schändlich, wie meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben."

Sie traten in den frischen kühlen Saal und die Magd flüsterte ihrer herrschaft zu: "Es ist schon einer drinnen, der gnädige Herr, die Exzellenz, der mächtige Don Ludovico Orsini."

Vittoria erblasste und sagte nur leise vor sich hin: "Dies Untier ist gefährlicher, als jenes." Ein grosser, kräftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit dem Ausdruck eines frechen Übermutes entgegen. Er begrüsste die übrigen nur ganz leicht, indem ein verachtender blick schnell über den jungen Peretti hinstreifte, und als der Diener Stühle gesetzt hatte, wendete er sich, stark betonend, mit den Worten zu Vittoria "Ihr werdet meinen Brief erhalten haben."

"Ja", erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit. –

"Und?" fragte der Graf fast in schreiendem Ton.

"Wie kann ich Euch antworten? Was Euch sagen?" sprach Vittoria, "Ihr kennt meine Gesinnungen, an jenem Abende, ehe wir nach Tivoli gingen, habe ich, Ihr müsst es Euch erinnern, meine Überzeugung erklärt. Warum soll ich noch öfter wiederholen, was mir peinlich ist auszusprechen?"

"Ha ha ha! seltsam genug!" rief der Graf mit schallendem Gelächter: "ich, aus einem der ältesten Häuser, reich, von Einfluss ich, vor dem Hunderte zittern, biete einer unbedeutenden Bürgerin meine Hand, und mit dieser mein Vermögen und meinen Rang, und sie kann mir nichts dagegen schenken, als ein artiges Lärvchen, einen schlanken Wuchs und weisse Gliedmassen: bin ich denn rasend, da ich in den Familien der Herzöge und Fürsten nur wählen darf?"

"So wählet doch!" rief Vittoria, die jetzt ihren Stolz und Mut wiedergefunden hatte: "wer zwingt Euch, ein armes, unbedeutendes Bürgermädchen zu belästigen? Ich werde es für Gnade von Euch und wahren Gewinn achten, wenn ich Euer Antlitz niemals wiedersehe.