sich, was die Mutter am wenigsten vermutet hatte, der mächtige Kardinal Farnese, der vieljährige Freund und Beschützer der Familie. Die Fürstin Margareta von Parma hatte sich auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persönlich an den Kardinal gewendet, ihr und der guten Sache in diesem schändlichen Handel beizustehn, und wenigstens den Anstalten, welche die Regierung für notwendig halten würde, nichts in den Weg zu legen. Farnese war so aufrichtig und mitteilend, dass er der Matrone selbst den Brief der Fürstin zu lesen übergab. "Die letzte Äusserung, werte Freundin", sagte er dann lächelnd, "werdet Ihr ebensogut begreifen, als ich selber. Wie vielen Verdruss haben mir meine Feinde, vorzüglich die Partei der Medicäer erregt, weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben, dass ich mit verschiedenen Anführern der Banden in Verbindung stände, um meinen Gegnern Schaden zuzufügen. Meinen grossen Prozess, wegen der abgeschickten Banditen, die mich draussen in meiner Villa von Caprarola auf Anstiften dieser Partei und des Grossherzogs hatten ermorden wollen, kennt Ihr ja, Ihr werdet Euch auch des traurigen Ausganges dieses Handels erinnern, der mir, meinem Ruf und Ansehn so nachteilig wurde: weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu drehen wussten, dass viele einzusehn glaubten, von mir selbst rühre dies Komplott her, ich habe die Bösewichter angestiftet, um dem Grossherzog und dem haus der Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen. Nun hat jetzt der Kardinal Ferdinand, der Bruder des Fürsten, mehr Einfluss gewonnen als je, er hat sich mit dem frommen Carl Borromeo verbunden, und diesen beiden, die den Ruf grosser Tugend sich verschafft haben, folgen viele andre, die auch für rechtlich gelten möchten. Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben, mir gemeinsam, entgegenzuhandeln. Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen beigesellt, der Schleichende, der, wenn er auch nicht nutzen kann, doch wohl zu schaden vermag. Der Heilige Vater selbst ist froh, wenn er von allen diesen Geschichten nichts vernimmt, um seinen Studien, der Angelegenheit der Religion und seinem geliebten Sohn, dem General und Gubernator von Rom zu leben. Beim Papst vermag ich, in dieser Zeit wenigstens, vollends nichts auszurichten, weil er mit der grössten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen wähnt, und fürchtet, dass ich nach seinem tod seiner Familie allen möglichen Schaden zufügen möchte. Seht, so sehr hat es mir geschadet, dass man mich seit Jahren den Mächtigen, den Einflussreichsten, ja den Despoten genannt hat, der das Kollegium der Kardinäle eigensinnig beherrscht. Geschadet hat es mir, dass ich beim letzten Konklave so viele Stimmen für mich hatte. Also beruhigt Euch, ich will überlegen, wie man der bösen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann. – Aber warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit? Es ist zu verdriesslich, wegen eines Verbrechers, der nicht zu den grossen Häusern gehört, Autorität und Macht auf das Spiel zu setzen. – Weint nicht, geehrte Frau; so viel werden wir vermögen, und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen, den Prozess in die Länge zu ziehen, dass es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt, und Ihr wisst wohl, in manchen Fällen heisst es mit Recht: Zeit gewonnen, alles gewonnen. Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ändern, und stehe ich einmal auf einem andern platz, so können alle meine Freunde, zu denen Ihr gehört, meines Schutzes gewiss sein."
Donna Julia fühlte wohl, wieviel sie selber beim Kardinal durch die schlechte Aufführung ihres Sohnes verloren hatte. Sie sah ein, dass der mächtige Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes tun, oder sein Ansehn für seine Rettung wagen könne: Farnese konnte also nur noch handeln als persönlicher Freund des Hauses, und insofern konnte sie noch auf Wohlwollen, Unterstützung, aber nicht auf das Einwirken des Kardinals rechnen.
Als dieser ihre tiefe Bekümmernis sah, fasste er ihre Hand und sagte freundlich: "Mir fällt etwas ein; geht doch einmal, zum Überflusse, zum Montalto; der Alte setzt etwas darein, für hülfreich zu gelten, er bekehrt gern die Sünder und tröstet die Leidenden; er kann vielleicht den Medicäer, und dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen, so dass die Richter nachher durch die Finger sehen, oder im äussersten Fall den Delinquenten entspringen lassen."
Mit so geringen Hoffnungen musste die Donna den Palast verlassen, und sie überlegte unterwegs, wer von ihren Bekannten wohl am fähigsten sei, sie auf eine würdige Art beim Kardinal Montalto einzuführen, dessen Bekanntschaft sie noch nie gemacht, den sie in keiner Gesellschaft sah, weil er sehr zurückgezogen lebte, sich nur den geistlichen Pflichten widmete und, seiner Kränklichkeit wegen, die Mussestunden in seinem Garten zubrachte. –
Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von ihrer Amme und dem alten Diener begleitet, nach ihrem haus zurück. Als sie sich von dem Tempel nach der nächsten Strasse wendete, kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen. In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jüngling von mittlerer Grösse, schlank aber schwach gebaut, mit ganz hellblondem Haar, das er nur wenig gekräuselt auf den Schultern schweben liess; sein Auge war blau, und der Ausdruck seines Gesichtes kein bedeutender. Vittoria war im Begriff, ihn anzurufen, so ähnlich erschien er dem wohlbekannten