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trunken, als sie den grossen Schatz des Goldes, die unermesslichen Reichtümer in ihren Kammern entdeckte. Künstler, Staatsmänner, Diener und Bürger, Maurer, Steinmetzen und Handlanger kamen nun ihren königlichen Träumen willig entgegen.

So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem geist dies Babylon, das Wunder der Welt. – Wie aber, wenn ein andrer Geist, vielleicht ebenso stark und kühn, diese Paläste, Türme, hängenden Gärten und ewige Mauern aufführen wollte, und fände nur ein kleines, kleines Kapital in seinem Vermögen? Ein lächerliches Unding würde entstehen, ein armseliger, verächtlicher Versuch, vor jedermann zum Spott, oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend. – So vergleiche ich dem grossen, mächtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe, und der Gegenstand, auf den diese Liebe sich wirft, sind (ein seltner Fall) die unerschöpflichen Goldkammern der Semiramisoderdas armselige Vermögen, aus welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Hütte zusammenflicken lässt. Lass ruhen das Bauen, und entsage der Liebe, wenn der Geist, den du lieben und anbeten, ihm gehören möchtest, nicht in seinen Tiefen die göttlichen Kräfte aufbewahrt, durch die allein die Liebe ihre Würdigung finden kann. Darum bleibe mir fern, holdselige Venus, mit deinen Gaben; denn nur im Fabelreiche wohnt der Held, dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten könnte, um die himmelhohen Türme, Paläste und schwebenden Gärten meiner Phantasie aufzubauen." – Der Fremde neigte sich bewundernd, und küsste die schöne Hand der Dichterin, der Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei, und Caporale rief ein herzhaftes: "Brava! – Nun", fuhr er fort, "teilt uns nach Versprechen noch ein Fragment, einige Verse aus Eurem grösseren Gedichte mit, an dem Ihr arbeitet, mein verehrter Freund."

Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Blätter aus seinem Mantel, indem er sagte: "Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen, und mir über diese Euer freimütiges Urteil erbitten, da viele Verständige sie schon bekrittelt, oder selbst völlig verworfen haben."

Er fing an zu lesen, von Erminien und ihrer Liebe, als Vittoria ahnungsvoll rief: "Und der Name Eures Werkes?"

"Das befreite Jerusalem," sagte der Fremde, wie beschämt und etwas errötend.

"Oh, um Gottes willen!" sagte Vittoria, laut schreiend -"so seid Ihr ja jener Torquato Tasso, von dessen Gedicht schon ganz Italien sprichtder schon vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gabvon dem der himmlische Aminta herrührt, von welchem uns der tückische Caporale einzelne Stellen, wie die über das goldene Zeitalter, mitgeteilt hat. – Ha! Bösewicht!" so wendete sie sich an diesen – "also so boshaft könnt Ihr sein, den grossen Dichter so zu verschweigen?"

"Es geschah in guter Absicht", sagte der Alte lächelnd. "Wusstet Ihr, wer Euer Gast war, so hieltet Ihr gewiss mit Eurem Wesen an Euch; denn das liegt einmal in unsrer natur, dass wir es einem Fürsten oder grossen mann durchaus recht machen und keine Blösse geben wollen, keinen Widerspruch versuchen. Wusstet Ihr, wer dieser Unbekannte war, hättet Ihr Euch gewiss nicht mit ihm gezankt. So aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden, dass ich es durchgesetzt habe: denn er wollte erst gar nicht einwilligen, weil er meinte, es setze Eitelkeit und Stolz voraus, so inkognito in eine liebe Familie einzutreten."

"Niederknieen müsste man", rief das lebhafte Mädchen wieder: "so ist es ziemlich, wenn eine Gotteit den Sterblichen würdigt, seine niedere Hütte zu besuchen."

Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tür. "Wie könnt ich es verantworten", sagte sie eilig, "wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder davon benachrichtigte, welchen Gast wir heute bewirtet haben."

Als die Männer allein waren, sprach Graf Pepoli mit grossem verstand zu Tasso, über das Glück, ihn persönlich kennengelernt zu haben. Tasso war aufgeregt und konnte mit den Lobsprüchen, die der gebildete Mann ihm mit der grössten Überzeugung und Aufrichtigkeit spendete, wohl zufrieden sein. Die Mutter und Flaminio erschienen, und der Gast sah sich, von so vielfältiger Verehrung und Freundschaft angeregt, um so mehr veranlasst, jene berühmte und schöne Stelle seines Gedichtes, die damals von so vielen anmasslichen Kennern und Kritikern verworfen wurde, mit Freude und Genugtuung vorzutragen.

"Wie trocken und nüchtern", sagte die begeisterte Vittoria am Schlusse, "muss die Seele dessen sein, der die Schönheit dieser Dichtung nicht empfindet. – O teurer, einziger Mann! ich hoffe, wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt, dass wir uns noch wiedersehn; aber für jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab, dass ich die Hand, die so schöne, so himmlische Worte niederschrieb, in innigster Verehrung an meine Lippen drücken darf."

Tasso erhob sich und sagte: "Beschämt mich nicht so sehr, schöne Jungfrau. Aber der Dichter dürfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein andres Anrecht in Anspruch nehmen, welches ihm die Musen verliehen haben. Lasst mich, in Gegenwart Eurer verehrten Mutter, zum ewigen Angedenken dieser schönen Stunde, einen Kuss von diesen schönen Lippen pflücken."

Die beiden dichtenden schönen Wesen umarmten und küssten sich innig, und es blieb, in diesem poetischen Taumel, nicht bei dem einen