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Sie tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht, sie reitet und jagt allen Stallmeistern voraus, kurz sie ist eine echte Virago, in der edelsten Bedeutung dieses Wortes."

Jetzt eilte der junge Mann, der mit der Fürstin vorher gesprochen hatte, auf die Gesellschaft zu, und bat den alten Dichter Caporale, ihn der Familie vorzustellen, der er schon seinen Besuch zugedacht hatte. Caporale sagte: "Nehmt meinen jungen, trefflichen Freund wohlwollend auf, verehrte Damen, den Grafen Pepoli aus Bologna."

"Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohltätigkeit gehört", sagte die Mutter: "kein Bolognese kommt zu uns, der nicht Euren Ruhm singt."

Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese Artigkeit. Sie gingen hierauf nach haus und alle setzten sich zu einem einfachen Mittagsmahle nieder. Es gibt Charaktere, die, wenn sie auch nicht einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen, doch durch unverkennbares Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit, sowie durch feines Betragen alle Herzen gewinnen. Zu diesen gehörte der Graf. Auch war man bald mit ihm vertraut, als wenn er schon lange zur Familie gehört hätte. Er bildete einen angenehmen Kontrast gegen den zweiten Fremden, der viel edler, aber nicht so vornehm erschien: das freie, leichte Betragen des Grafen war so, dass man fühlte, er habe sich von Jugend auf in den glänzendsten Kreisen bewegt, dass er zum Edelmanne erzogen sei und den grosser angeerbter Reichtum von den frühesten Jahren, nicht nur über jede Not, sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben hatte. Der andere Gast, dessen lebhaftes Auge so geistreich glänzte, dessen Lippe so fein zu lächeln verstand, glich doch mehr einem Gelehrten, ob man gleich keinen Professor einer Universität und noch weniger einen Geistlichen in ihm erkennen mochte.

Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal, wo man sich an der Frische und der Aussicht in die schöne Landschaft erfreute. "Hier, in diesem lieblichen Aufentalt", rief Caporale, "sollten wir, wie es jetzt allentalben geschieht, eine kleine poetische Akademie formieren, und über ein gegebenes Tema improvisieren; oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen, so entwerfe man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blättern hier ein kleines Gedicht, oder auch ein grösseres, wie es nun gerade die Muse begehrt."

Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschäfte zu besorgen, und Flaminio begleitete sie, um ihr hülfreich zu sein. Die übrigen setzten sich um den runden Tisch, und Caporale sagte: das Tema sei die Gewalt der Liebe.

Alle dichteten, und nach einer stillen Pause, als alle ihre Blätter beschrieben hatten, sagte Cesare: "Ich bin kein Dichter, sondern nur ein Spassmacher und so spricht es auch dies Sonett aus." Er las es, es entielt eine Entschuldigung, er habe immer nur der Parodie gehuldigt, und seine Eitelkeit bestehe darin, dass man seine Gedichte nicht unzüchtig nennen könne, wenn er auch in Spass und Witz einen Berni, oder andre berühmte Poeten niemals erreichen könne.

Der Graf Pepoli sagte: "Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter? Es gehört zur Erziehung eines jeden Gebildeten, Verse machen zu können, und wir haben den grossen Vorteil dass unsre schöne, fein ausgebildete Sprache schon selber für uns dichtet. Ohne nachahmen zu wollen, wiederholt der Dilettant, selbst ohne es zu wissen, das schon oft Gesagte." – Seine fein gewendeten Stanzen erzählten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glück, in so ausgewählter Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu dürfen.

Der Fremde las ein Sonett, dass die nahe, begeisternde Schönheit der edelsten Jungfrau, die Mutter derselben, die grosse Fürstin, deren Anblick er gewürdigt worden, ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen, alles dies ihn zwinge, die höchsten Töne der Poesie anzuschlagen; aber die Muse schüttle das Haupt und lege den schönen Finger auf die Lippen, ihm zuflüsternd: "Eben weil du zu glücklich bist und zu selig im Genuss, kannst du in diesem Augenblick nicht dichten, lebe und sei zufrieden: Schmerzen und Poesie werden schon zu dir zurückkommen."

Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder, denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter herzurühren. Dann sagte sie mit grosser Lebhaftigkeit: "Die Herrn alle, selbst unser Vorstand, haben in ihren Versen das aufgegebene Tema nicht einmal erwähnt viel weniger durchgeführt; alle verbeugen sich mit der höflichen Entschuldigung, nicht dichten zu können, und ich Ärmste habe mich, wie wir unterdrückte Weiber immer müssen, geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht geschrieben." – Sie las eine Kanzone, deren Inhalt ungefähr dieser war: –

"Gewalt der Liebe."

"Alles, so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche, wird von der Liebe regiert. Ich, zu jung, um sie zu kennen, zu schüchtern, um sie herauszufordern, wie soll ich sie besingen? Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt, die ihre Gotteit verherrlichen sollen; aber auch andere dityrambische Gesänge, in welchen Venus und Amor nicht minder kräftig geschmäht und gelästert werden. Da erscheinen alte Fabeln und grosse historische Sagen vor meinem blick. Das mächtige Kind der Tauben, die hohe Semiramis, fand sich plötzlich als Königin von Babylon. Eine grosse und schöne Stadt, doch zu klein und unbedeutend für ihre schaffende Phantasie. Ihre ganze Seele ward