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so gern wieder in das Bäurische zurückfällt, unsere Petrarka, Bembo, Molza, Bernard Tasso, und so manche andre erzogen! Und diese mechanischen Erfindungen, die an sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergötzen erregen könnten, sollten vom Genius nicht in seinen Dienst genommen werden, um auch diese Dinge, die auf Linien, matematischen grundsätzen und aritmetischen Zahlenverhältnissen ruhen, in die höchste poetische Freiheit der Phantasie einzuführen? Wenn Euch dort die natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und für Momente Eure ganze Seele ausfüllt, so ist hier dieselbe natur in ihrer lieblichen Erscheinung nur in eine Regel gebunden, um sie wieder auf andre Weise in die höchste poetische Freiheit hineinzuführen. Diese geraden Baumgänge, diese abgeteilten und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines lieblichen Gedichts, wo das Wort der gewöhnlichen Rede auch mit wahrer kindlicher Freude, mit Übermut, in die Regel hineinspringt, um sich selber süss und edler zu vernehmen. Und diese wasser, Bildsäulen, Vögel, Scherz und Ernst, Schauer und sanfte Wollust, in diesen krausen Gebüschen, zwischen Myrten und Lorbeer und den finstern Zypressen, die ausgebreitete Pinie dort, das Rieseln, Flüstern in den Wipfeln, mit Duft und Echo gemischt, diese fast menschlichen Töne, der Vogelgesang, dort das Gebirge, über uns des himmels lichte Bläue, das süsse Spiel der Lichter, der dunkelnde Schattenbraucht der Mensch in diesem Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Göttersäle zu beneiden?"

"Schön!" sagte die Mutter, "sieh, mein Kind, da hast du einmal einen Gegner gefunden, der dir deinen Eigensinn brechen könnte, wenn es ihm wichtig genug wäre, dich in die Lehre zu nehmen."

"Kann sein", sagte Vittoria, "dass dasjenige, was ich natur, Schönheit und Freiheit nennen möchte, doch wieder ein zu enger Begriff ist, der wohl wieder zur Gebundenheit und Unfreiheit führen könnte. Und doch mag ich mein Wesen nicht willkürlich erziehn; ich muss erst das selbst in mir erleben, was eben jetzt der werte Fremde ausgesprochen hat: es ist mir unmöglich, nachzusprechen, was ich nicht selbst einsehe, oder künstliche Wege zu suchen, um mein nächstes Gefühl gegen meine natur mir zu erziehn. Auch bei Büchern und Gedichten habe ich es nie vermocht und ich will lieber für mich selbst irregehn, als nachfühlend und sprechend mit einem andern recht haben."

Doch, meinte der Fremde, müsse man sich vielleicht in Schriften und Gedichten nach andern und jenen Regeln fügen, die sich schon seit alten zeiten als Kritik geltend gemacht hätten.

"So widersprecht Ihr Euch aber selber!" rief Vittoria aus. – Sie hätten wohl länger gestritten, wenn nicht eine merkwürdige Erscheinung, die sich jetzt in der Nähe zeigte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. Ein alte Frau trat in Begleitung eines jungen, sehr reich gekleideten Mannes, aus dem nahen Gebüsch. Sie war gross und stark, von männlichem Ausdruck und bräunlicher Farbe, an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Bärtchen. Alle verbeugten sich ehrerbietig, standen still, und liessen die beiden Gestalten vorübergehen, die sich dem schloss zuwendeten. Als sie enfernt genug waren, fragte der Fremde: "Wer war diese Dame, die fast das Ansehn eines starken, ältlichen Mannes hatte?" -"Die jetzige Besitzerin dieser Villa", nahm Caporale das Wort, "jene weltberühmte Margarete von Parma, die Tochter des grossen Kaisers, des fünften Karl."

"Ist es möglich", rief der Fremde aus, und schlug die hände ineinander, "dass ich gerade hier eines solchen Anblicks gewürdigt werden soll? Dieses Denkmal alter begebenheiten, dieses grosse Monument mächtiger zeiten, dieser freie grosse Charakter unsrer geschichte ist an mir vorübergegangen, wie ein Bild des Phidias oder Lysippus. Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht, stehe ich plötzlich in der Wundersage der Historie, und es fehlt mir an einem Massstabe, mich gleich wieder zurechtzufinden. Sie, die arme, die aus Politik, fast noch ein Kind, einem grausamen, wilden Medicäer, dem Herzog von Florenz, Alexander vermählt ward, die dann seine Ermordung erleben musste, (volle vierzig Jahr sind es jetzt,) die nachher wieder verheiratet wurde, dann vom Bruder als Regentin nach den Niederlanden geschickt ward, wo sie sich als wahre Königin klug, stark und gross zeigte, in der schwierigsten Lage, ein echtes, edles Gegenbild jener grossen Elisabet von England, bis sie falscher Politik, der Kabale und dem blutdürstigen Herzog Alba weichen musste. Was hat sie alles gesehen, erlebt und erfahren. Wie müssen ihr die Welt und deren Fürsten, die Widersprüche, die Schwächen der Menschen, Unglück und Glück erscheinen."

"Ja wohl", antwortete Donna Julia, "nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese Villa, wird aber, wie sie mir neulich sagte, vielleicht noch in diesem Jahr zu ihren Schlössern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen. Sie schien heute sehr im Gespräch vertieft, da sie uns ausserdem wohl angeredet hätte, denn sie zeigte sich immer meiner Familie, vorzüglich meiner Tochter, sehr gnädig und huldreich."

"Sie ist eine einzige Frau", rief jetzt Caporale. "wenigstens habe ich noch nie eine ähnliche gekannt, oder von ihr gehört. Glaubt ihr wohl, dass sie noch jetzt auf der Jagd, so alt sie ist, die rüstigsten Weidmänner müde macht?