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dreissig Jahr alt zu sein. Er war schlank, gross und wohlgebaut, seine Gebärde edel, das Auge schön und feurig. Vittoria vermutete, dass auch dieser ein Dichter sein könne, da er mit dem alten Hausfreunde erschien, und die Gelehrten aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten. Der Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten, mehr ernst als heiter, und auf seinen Wunsch beschloss man die Villa d'Este zu besuchen, von deren Pracht und Schönheit in ganz Italien die Rede war.

Als sie die Villa erreicht hatten, ward ihnen der Eingang gestattet, weil die Besitzerin nicht zugegen war. Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von den Kostbarkeiten, Gemälden und dem Schmuck der Zimmer entzückt: und begeistert. "Wie glücklich", sagte er, "könnten die Fürsten sein, denen alles dies zu Gebot steht, und die sich ein solches Dasein bereiten mögen. So umgeben, nichts Niedriges, Ärmliches in ihrer Nähe, wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut, von Schönheit umleuchtet, Erinnerung an geschichte und grosse Vergangenheit, die edelsten Geister, die Raffael, Michelangelo und Julius der Römer für sie in Tätigkeitund doch –"

"Ja wohl", sagte die ernste Matrone, "wohnt nur sehr selten in diesen herrlichen Palästen das wahre Glück. Das Schicksal und die Umstände, die Verhältnisse des Menschen sind immer mächtiger, als der Mensch selber. Der Einsame, Unabhängige stürzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhängigkeit, um das zu suchen, was er Glück nennt: und jener, der im Glück zu schwelgen scheint, von vornehmen Freunden umgeben, im Glanz des Reichtums, wünscht sich nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des dürftigen Waldbruders. Freiheit ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang, es ist aber nur ein Wort, ein verhallendes, ohne Wesen und Inhalt. Die wahre Freiheit ist nur im tod."

Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an, und Caporale sagte: "Ihr seid heute, verehrte Freundin, aufgeregt; gönnt der natur und dem schönen klaren Licht, das so herrlich dort die Gebirge beglänzt, Euch aufzuheitern."

"Zu zerstreuen", sagte sie: "muss doch das Edelste der natur und Schöpfung nur gar zu oft, sich herabwürdigend, dazu dienen, uns von uns selbst zu entfernen."

"Um uns doch nur", bemerkte der Fremde, "dort in diesen Gegenständen edler und vollkommener wiederzufinden. Das Wahre, Gute in uns kann uns niemals verlorengehn."

"Weil es vielleicht nicht da ist", sagte Signora Julia, tief seufzend. "Verzeiht, mein edler Herr, dessen Namen ich noch nicht einmal weiss: Eure Liebenswürdigkeit hat mich verleitet, Euch nach dem ersten Anblick als einen alten Freund des Hauses zu behandeln, vor dem ich nicht nötig habe, meinen Kummer zu verbergen. Doch ist es wohl besser und schicklicher, hier in diesen poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu führen."

Jetzt verliessen sie das Haus und betraten den schönen, künstlichen Garten. Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter, auch der heitre Don Cesare war ernst geworden, und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der vielfachen Anlagen, dem Wechsel der Gebüsche, der Majestät der Bäume, der Pinien und Zypressen, dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben. Am meisten entzückten ihn aber die mannigfaltigen Wasserkünste, die in sinnreichen und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vögel nachahmten, bald aus menschlichen Gestalten die Töne der Laute und vielfachen Gesang bildeten; so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen, so spielten die Nereiden und Pan und Schäfer die Wasserorgeln, die Syrinx und Flöten und Pfeifen, dort klang die ländliche Schalmei und ferner ab rieselte das Element, welches erst zur künstlichen Musik abgerichtet war, als klarer Bach in seinen Naturtönen dahin.

Als der Fremde in den Ausdrücken seines Lobes immer entusiastischer wurde, konnte Vittoria nicht länger schweigen, sondern liess sich, beinah zürnend, in diesen Worten aus: "Ich weiss es wohl, dass alle Welt diesen Garten und diese tönenden Kunststücke bewundert. Ärgert Euch nicht an mir, teurer Mann, wenn ich Euch gestehe, dass ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe, da es mir schien, als wenn Kunst und natur hier gleich sehr verletzt würden. Die wahre echte Kunst ist hier in eine Künstlichkeit, in eine Seltsamkeit hineingeschraubt, die wohl Erstaunen und Verwunderung, nicht aber wahre Freude erregen kann. Die natur ist gewissermassen vernichtet, denn sie muss hier in den sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten, die nicht einmal eine Täuschung hervorbringen können, und die ermüden, wenn man den ersten Genuss der Neugier und Verwunderung hinter sich hat. Wie anders wirkt ein gutes Gemälde, ein Werk des Bildhauers, Palestrinas Musik, eine freie Landschaft, dort der himmlische Wasserfall. Ist es nicht hier, als wenn man die Träume eines Fieberkranken wirklichmachen, und etwas erreichen wollte, was über unser menschliches Vermögen hinausreicht? Jedesmal aber, wenn der Mensch einen solchen Versuch eitlen Hochmuts unternimmt, sinkt er unter sich selber hinab."

"Ei! ei! mein schönes fräulein", rief der Fremde, sie verwundert ansehend, "wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem mund diese herben, verdammenden Worte? Hat Euch niemals eine Sestine, oder eine recht künstliche Kanzone begeistert? Wie haben unsre Natursprache, den laut, der immer