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Müde vom Reiten und Schwatzen, nachdem sie tief in den schönen grünen Wald hineingeritten waren, stieg der Fürst vom Pferde und band es an einen Baum. 'Wir haben selbst den Fusssteig verloren, hier ist es so schön ruhig und einsam still', sagte der Herzog; 'bewahre und bewache mich, mein getreuer Gottfried, denn eine süsse Müdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drückt mir die müden Augen zu.' So geschah es, der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf, und der Diener wachte, dass kein Tier oder Gewürm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschädigen möge. Der Atem des Fürsten, die Brust ging hin und her und auf und ab: er lächelte, denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen. Plötzlich stockte der Atem, im Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung, und mit einem Male sprang ein ganz kleines graues Mäuschen aus dem halb geöffneten mund. Nun lag der Herzog da, wie tot, ohne Atem und die mindeste Bewegung. Das kleine Mäuschen aber sah sich mit funkelnden Äuglein im Grase neugierig um und schlüpfte endlich zwischen den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein, doch nicht so gar weit vom Fürsten, der nur als starre Leiche noch regungslos dalag. So war der Knappe denn in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig, was sich aus dem Wunder ergeben würde: er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach, behielt aber dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge. Bald musste das Mäuschen stille stehen, denn es kam an einen Bach. Das Wässerchen war nur so schmal und klein, dass es jedes Kind mit einem Schritte überschreiten konnte, und es floss so still und bescheiden über die Wiese und unter den grünen büsche hinweg, dass es die Reiter vorher weder gesehen noch gehört hatten: für die Maus aber war es ein Strom, breiter als unsere Tiber. Und da sie durchaus hinüber wollte, lief sie ängstlich, bald links, bald rechts dem Ufer entlang, ob sie wohl eine trockene Stelle fände, oder ob irgendwo vielleicht das Bächlein so schmal würde, dass sie hinüberspringen könne. Der gutmütige Knappe sah nicht ohne Teilnahme, wie das kleine Wesen sich abängstigte. Er schaute sich um, fand aber kein dürres Holz, zog also seinen Hirschfänger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte die blanke Waffe über das wasser. Die Maus schien erst erstaunt, trat dann aber behutsam und zögernd auf den glatten, spiegelnden Stahl und ging hinüber, worauf sie sich bald in das nahe Gebüsch verlor und in eine kleine Höhle sprang, die sich in einem grün bemoosten Felsensteine zeigte. Der Fürst lag noch tot, wenige Schritte hinter dem Knappen. Diesem ward bange, wie der Ausgang sein würde, und seine Angst stieg immer höher, je länger das Tier ausblieb. Wie, wenn der Fürst sich gar nicht wiederbelebte? Würden die grossen Vasallen, würde der Tronerbe ihm wohl diese Mausgeschichte glauben? Da wohl mehr als eine Viertelstunde verflossen war, wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken, den starren Herren aufrütteln, und wenn dieser sich gar nicht regte, vielleicht in alle Welt reiten, um nicht für einen Mörder, der vom Feinde bezahlt sei, angesehn zu werden. Siehe da springt das kleine Wesen, seine Augen noch heller glänzend, wieder aus dem Gebüsch hervor, sieht sich um, setzt die netten Beine prüfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff. Gottfried nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog. Der Diener zweifelt, ob er sie nun nicht doch greifen und festalten soll, weil es ihm unziemlich dünkt, dass ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren, oder gar in den Mund kriechen soll. Aber ehe er noch einen Entschluss fassen kann, ist jene schon wirklich zwischen den Lippen des Fürsten wieder in diesen hinein. Kaum war es geschehn, so kehrte auch das Lächeln auf das Antlitz zurück, die Brust atmete wieder, und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf, sah um sich, die Besinnung wiederzufinden, und schüttelte sein Haupt, als wenn er die letzten Flocken des Traumes aus seinen Haaren schütteln wollte. Lächelnd sah er den Knappen an und sagte dann zu diesem: 'Setz du dich noch zu mir her in dieses grüne Gras, denn ich muss dir den seltsamsten Traum erzählen, der nur jemals mein Gehirn besucht hat. – Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen, als mir dünkte, ich ginge von hier weit, weit in den dicken, dunklen Wald hinein. Aber wie war um mich die natur verwandelt! – Das, was ich für Gras halten musste, waren hohe, hohe, dicke Binsen, die weit über meinem haupt hinwegragten: ungeheure Büsche schlugen über mir zusammen, und als ich schon weit gewandelt war, hörte ich plötzlich ein ungeheures Tosen, und ein Brüllen, wie von grossen Wasserfluten. Und so war es denn auch. Ein breiter Strom, dessen jenseitiges Ufer ich kaum absehn konnte, stand mir gegenüber. Ich lief bald hier-, bald dortin, denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an, als wenn ich durchaus jenseits des breiten Flusses gelangen müsse. Ich spähte aufmerksam nach einem Schiffe, Fahrzeuge, oder dem kleinsten Kahn; aber so weit ich auch lief, sosehr ich auch mein Auge anstrengte, war nirgend dergleichen zu erspähn. Noch viel weniger eine brücke, die mir das Liebste gewesen wäre. So