– kann ich den Morgenstern kritisieren? Verlang ich Tugend oder Moral von ihm? O du ewige, unbegreifliche Schönheit, du himmlisches, unsterbliches und doch so vergängliches Kleinod der Liebe und Wollust, wie roh gehen auch mit dir die Menschen um, und hantieren so abgeschmackt mit der Göttlichkeit, als wenn es eben auch ein Brett oder hölzernes Gestell wäre, um alten vergessenen Plunder darauf aufzubewahren."
"Werdet nicht so ernstaft", sagte die Mutter, "und erzählt uns lieber, was Ihr in Rom Neues erfahren habt." –
"Potz Blitz!" rief der Poet aus, "das ist eben das Kennzeichen unsers Jahrhunderts, dass es gar nichts Neues gibt. Wenn Ihr das nicht etwa so nennt, wodurch jeder Quark eine Neuigkeit wird. So bastelt unser Heiliger Vater Gregor immer und ewig an seinem neuen Kalender, als wenn wir damit ein reelles Gut gewönnen, dass das Dümmste und Unbegreiflichste der Schöpfung, die Zeit, neu eingeteilt würde. Das neue Jahr soll nun nicht mehr mit Ostern und dem Frühling, sondern mit dem kalten trivialen ersten Januar anheben; und so mehr dergleichen. Bis jetzt glaubten wir, dass die Päpste nur für die sogenannte Ewigkeit sorgten, aber jetzt werfen sie sich auch in die irdische Zeit, um da aufzuräumen. – Neues in Rom? Nun, dass die Kardinäle gegeneinander intrigieren, dass viele Fremde wegen des Jubiläums nach Rom gekommen sind, dass die Kirchen und die heiligen Orter besucht werden, dass man erzählte: der ruchlose Ambrosio sei mit einer ganzen Bande eingefangen worden."
"Ambrosio?" fragte die Mutter; "wo ist der Bösewicht gefangen worden?"
"Man sagt in Subiaco", antwortete der Dichter ruhig: "die Bande hatte dort in der Nacht das Haus der Magistratsperson erbrochen und geplündert, den Mann aber selbst höher in das Gebirge hinaufgeschleppt, um an ihm Rache zu nehmen, weil er sich im Verfolgen der Räuber besonders tätig erwiesen hatte. Doch haben die freiwilligen Milizen sie in ihrem Schlupfwinkel überrascht und das ganze Nest aufgehoben."
Die Matrone ward nachdenkend, und Caporale begriff nicht, wie diese Neuigkeit sie so verstimmen könne. "Es ist furchtbar", nahm Vittoria das Wort, "wie diese Räuberscharen sich in unsrer Zeit vermehren und noch täglich anwachsen. Von den Grossen und Mächtigen beschützt, hat fast jede Familie ihre Bande, man bekämpft sich öffentlich, wie in einem Kriege."
"Ja", sagte Cesare: "diese Orsini, Colonna, die Florentiner, die Ferrareser, alles hat seine geworbenen kleinen Heere in unserer Stadt und dem römischen Gebiet. Der Heilige Vater sieht durch die Finger und fühlt sich zu schwach, dem Unwesen zu steuern. Rache und Meuchelmord werden als Edeltat angesehn und es herrscht eigentlich nur so viel Sicherheit, als jene Mörder uns gönnen wollen. Auch der Privatmann ist fast gezwungen, mit dieser oder jener Bande einverstanden zu sein, um nicht von allen beschädigt zu werden."
"Ich mag an alles dies gar nicht denken", warf jetzt die Mutter ein; "denn ein Grauen befällt mich, als wenn unser Eigentum und Leben nur vom Zufall abhingen und wir jedem Entsetzen preisgegeben wären. Alle Gespenstergeschichten, die ich in meiner Jugend hörte, erwachen dann in meinem inneren, und unser Geist ist der Sklave von nichtswürdigen Vorstellungen, die in unsern Nerven auf und ab rieseln und uns das Haar emporsträuben."
"Nein, Mutter", rief Vittoria: "scheltet mir nicht auf meine lieben Gespenster und das poetische Grauen, das bei Anhören dieser Geschichten unsern Geist gefangennimmt. Das ist wie kühler Morgenwind, der durch den Eichenwald braust und alle Blätter in zitternde Bewegung setzt. So erfrischend und wundersam sind auch die Legenden von wiederkehrenden Gestorbenen, von den dunkeln Dämonen, die an einsamen Seen ihr Wesen treiben, jener seltsamen Kobolden, die uns in gefährliche Sümpfe, oder im Gebirge an Abstürze locken sollen; dann die Orakelstimmen in einsam abgelegenen Tälern, die Fähigkeit Wahnsinniger oder Kranken, die Zukunft deutlich zu sehen, oder in fernen Gegenden den Freund wahrzunehmen, und alle die Märchen von Zauberern und Beschwörern, von den Bündnissen mit bösen Geistern. Schon des wunderlichen und rätselhaften Abano oder Pietro Apone wegen möchte ich gar zu gern einmal nach Padua reisen, um mir sein Haus mit dem grossen Saal und seinen Brunnen zu betrachten. Käme so ein grosses oder kleines Gespenst in mein einsames Zimmer, so würde ich freilich erschrecken, aber mich auch dieses Erschreckens freuen, und es recht bis in meine innersten Kräfte hinein mit meinem Bewusstsein durchgeniessen. Ansehn würde ich mir das Wesen, das mich seiner Bekanntschaft würdigte, und gewiss ohne fieberhaftes Entsetzen von ihm Abschied nehmen. Ich habe mir den Fall oft genau durchgedacht und bin meiner Fassung gewiss. Nein, das Geisterreich bietet uns die Schrecken nicht, die der Wirklichkeit zu Gebote stehen."
"Wie meint Ihr das, Ihr poetische Amazone?" fragte Don Cesare.
"Eine Vorstellung", antwortete die Jungfrau, "verfolgt und ängstigt mich von meiner frühesten Jugend. Ich bin allein in der tiefen Nacht, meine Familie ist schlafen gegangen, meine Dienerin ist verabschiedet, ich will mein Lager besteigen und die Lampe löschen, als plötzlich vor mir schreckliche Bösewichter mit geschwärzten Gesichtern und dräuenden Waffen stehen: ich wende mich um, hülfe rufend, und auch von dort treten mir scheussliche, unbekannte Figuren entgegen. Nirgend Rettung, hülfe; das Wort stockt mir im mund