ist. Dergleichen schickt sich nur für kleine Persönchen, die es manchmal auch recht gut kleidet. Darum halte ich mich mit meinem hohen Körper, den langen Beinen und Armen immer so majestätisch. Fällt mir ein lumpiger Ball ins wasser (ich trage aber niemals einen mit mir herum), so lasse ich ihn wegschwimmen; und dort gar in dem Höllenrachen, den ich immer die Grotte des Neptun genannt habe, obgleich strenggenommen der gewaltige Mann sich mit den Flüssen des Landes gar nicht einlässt. Wenn Ihr dort umgekommen wärt, so hätte ich Euch wohl gar, als Euer alter Anbeter besingen und beklagen müssen, obgleich mir noch niemals ein ernstafter Vers hat gelingen wollen."
"Aber habt Ihr uns keine neue Komposition mitgebracht?" fragte die Mutter.
"Der Poet", antwortete Caporale, "ist zuweilen an Entwürfen und Plänen so reich, dass er darüber gar nicht dazu kommen kann, einen einzigen auszuführen. Ich lief in der schönen Gegend von Perugia viel herum und meditierte. Mein Gedicht über das Leben des Maecenas ist nun fast fertig, aber ausser einer neuen Komödie ist mir auch noch ein komischer Vorwurf dort in der Einsamkeit aufgestiegen. Ich dachte mir nämlich, wie Apollo auf seinem Jagdschloss eine Versammlung könnte ausschreiben lassen, dass sich alle, die sich für Poeten hielten, zu ihm einfinden sollten, um aus seinem mund und von verständigen Richtern und Beisassen ihr Urteil zu empfangen. Die Aufgabe ist häklig und kitzlig: denn wie viele unserer jetzt lebenden Pedanten, oder talentlosen Reimer würde man da ärgern und kränken müssen, darum gebe ich den Gedanken auch vielleicht wieder auf, wenn ich nicht einen anständigen Mittelweg entdekken kann."
"O Bester!" rief Vittoria lebhaft aus, "da müsst Ihr alle meine Lieblinge recht loben, und diejenigen, die mich immer geärgert haben, recht beissend durchziehn und schwarz abschildern."
"Zum Beispiel?" fragte der Poet.
"Wen kann man wohl mehr loben", fuhr sie fort, "als den edlen herrlichen Bernard Tasso, und dessen Sohn Torquato, wegen seines himmlischen Aminta, Schelten müsst Ihr auf den rechhaberischen kritischen Sperone."
"Geht schon deswegen nicht", antwortete der Dichter, "weil ich ihn jetzt eben in Rom gesprochen habe, und er sich recht freundlich gegen mich erwiesen hat. – Also um fortzufahren: ich wandelte dort in den Bergen von Perugia sinnend umher, voll Launen und Projekte, Verdruss und Freude. So kam ich auf ein grünes Feld in der Abendstunde, die Sonne ging unter und es gemahnte mich, noch immer draussen zu bleiben. Mit einem Male blitzt mich aus dem grünen Gebüsch vor mir etwas so grossäugig an, so unnatürlich feurig, dass ich dachte, die Sonne wäre vielleicht umgekehrt: und nun sah ich's, und es war Venus, der Abendstern. Aber noch nie hatte ich ihn in dieser Herrlichkeit gesehen. Nun gut, ich liess es mir gern gefallen, dass es etwas so Schönes in der Welt und der natur gab, und ging immer weiter, an mein dummes Gedicht denkend und spekulierend. Auch gibt es wirklich Epochen in unserem Leben, in welchen man die sogenannte Zeit völlig vergisst. So war es mit mir. Der Abend hatte mich ausgehn sehen und die stille Nacht fand mich noch draussen. Wie ich noch so fortwandelte, deucht mir, es erhebe sich im Osten eine Art von lichtem Grau, ein klarer, wallender Schimmer, und wie ich mich noch darüber verwundre (denn ich hatte ganz vergessen, dass es wohl Morgen sein könne), fahre ich im Schrecken zurück, denn wieder blitzt eine solche Glutmaschine, so ein Jupiter, als wenn er eben einer Liebschaft wegen zur Erde gesunken wäre, mir entgegen, ein göttlich glänzender Stern, dicht auf dem grünen Boden, äugelnd im feuchten Grase und den triefenden Granaten liebkosend – und siehe da, was ich für einen zerschnittnen Vollmond hielt – nur reiner, weisser glänzend – sei es Jupiter, Mars, Sirius – mir war es, dem Unwissenden, die göttliche Aphrodite, die Göttin der Liebe. –
Ihr holdseligen Frauenbilder, da besann ich mich mit wahrer Andacht auf euch; Ihr Julia seid mein leuchtender Abend –, Ihr Vittoria mein strahlender Morgenstern und nun liess es mir keine Ruhe, bis ich wieder hierher zu euch kam. Mag der Himmel mit Millionen Gestirnen prangen, für mich hat er doch nur die eine Venus. Nicht wahr Gevatterin?"
"Ihr seid galant, Don Cesare", erwiderte Julia, "und dabei ein Poet. Wie schade, dass Ihr und so manche Euresgleichen doch Weiberfeinde seid."
"Glaubt Ihr an das Märchen?" fragte Caporale. "Nur hässliche Männer, und die von den Frauen nicht begünstigt worden, stellen sich als Weiberfeinde. Es ist keinem Sterblichen Ernst damit und kann es auch nicht sein. Denn diese Kaprice der natur, dass sie Weiber geschaffen hat, ist es doch einzig nur, weshalb es sich, der Mühe lohnt, zu leben. Alle die Schwächen, Widersprüche, Treulosigkeit, Mangel an Charakter, ausgemachte Schlechtigkeit selbst, was diese Moralisten immer und immer wieder aus heiserer Kehle ausschreien, ist ja immer nur die weibliche natur, die sie nicht zu würdigen wissen. Wer jemals ein Weib geliebt hat, wen jemals auch nur ein Weib wahrhaft beglückt hat, der wird ihre Lügen und Albernheiten höher als Aristoteles, Wahrheit und Platons Weisheit schätzen. Und so