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Vittoria begriff es nicht, was sie in dieser Nacht mehr als jemals ängstigen könne. Sie kniete auf den Betschemel, und strebte im Gebet wiederum ihre Seele zum allmächtigen Vater emporzuheben. Nun ging sie wieder in den Saal, und beleuchtete mit der Kerze die Bilder, die dort an der Wand hingen. Mit einem Male stiess sie einen lauten gellenden Schrei aus, denn hinter ihr, wie sie sich umwendete, dicht an ihr, stand eine grosse, furchtbare Gestalt, mit geschwärztem Angesicht, die sie aus den dunklen Augen gross anstierte. Sie wollte nach der entgegengesetzten Seite entrinnen, und eine andre entsetzliche Figur trat ihr entgegen, und die dritte, vierte, und mehr, alle mit unkenntlichen Gesichtern, geschwärzt, oder in dunkeln Masken. "O Gott!" schrie sie "der abscheuliche Traum meiner Kindheit geht in Erfüllung!"

Auf ihren gellenden Schrei war aus dem inneren Zimmer Flaminio hereingesprungen. Sowie sie ihn erblickten, rannten die Verlarvten auf ihn zu und hieben ihn nieder. Da öffnete Marcello die äussere tür, sah die Abscheulichkeit, und sprang schnell Fassung gewinnend, zurück, und so aus dem Fenster auf die Gasse hinaus, um hülfe, oder die Wächter der Stadt anzurufen.

"Du stirbst!" sagte die grosse, finstre Gestalt mit dumpfem Ton zur geängstigten Vittoria. – "Ich ergebe mich", klagte sie, denn sie sah und hoffte keine Rettung, da ringsum die blanken Degen und Dolche ihr drohten, und einige, niederknieend, noch ihren Stahl in den zerhauenen Leichnam des Bruders, wie aus Übermut bohrten.

Also heute, diese Nacht, jetzt, erfüllt sich mein Schicksal, sagte sie zu sich selbst. – "Wirf das Kleid, diese Gewänder und Tücher von der Brust zurück, wenn du eines leichten Todes sterben willst" – sagte die dunkle Gestalt.

Folgsam wie ein gehorsames Kind, warf sie das Nachtleibchen ab, denn sie hatte sich schon zum Schlafen aus- und angekleidet. – "Auch das Busentuch!" – rief jener; – sie tat eser zog hierauf selbst das letzte Leinengewand von der Brust zurück und die herrliche Gestalt stand in ihrer glänzenden Schönheit, nackt bis zu den Hüften hinab, wie das herrlichste Marmorbildnis da, die festen, getrennten Brüste im Dämmer des wenigen Kerzenlichtes schimmernd. So sank sie auf den Betschemel knieend nieder. Man hätte denken sollen, der roheste Barbar, der Kannibal müsste sich bei diesem Anblick erweichen lassen. Da stiess er den scharfen Dolch zielend neben der Brust in den Leib. Sie sank zu Boden. – "Oh, wenn ich tot bin", so klagte sie, "habt die Barmherzigkeit und kleidet mich wieder an." – "Vielleicht", sagte jener und stiess das Eisen wieder in die Wunde, indem er es wie prüfend, zwei-, dreimal drin bewegte. – "Wie ist dir?" fragte er. – "Kühl ist die Schneide", sprach sie lallend, "– o lass jetztich fühle, das Herz ist getroffen." – "Noch nicht", sprach der Schreckliche mit entsetzlicher Kälte – "noch einmal": und wieder an einer andern Stelle stach er in den edlen, marmorweissen Körper. Da sank sie ganz zu Boden, das Haar löste sich und schwamm in dem Blutstrom, der sich auf dem steinernen Fussboden hingoss.

Andre hatten auf einen Wink indessen schon die Schränke hier und in den andern Zimmern erbrochen, was sie an Gold, Juwelen und Kostbarkeiten fanden, nahmen sie mit sich und verschwanden dann so still, wie sie gekommen. Wohl hundert Bösewichter waren es gewesen, die alle Türen und Zimmer bewacht hatten, damit die Mörder nicht gestört werden könnten.

Orsini erwartete scheinbar ruhig den Ausgang: er hatte sonderbar genug, bei der Ermordung nicht zugegen sein wollen: der abscheuliche Pignatello hatte sich zu dieser Exekution gedrängt.

Achtes Kapitel

Marcello, der entsprungen war, hatte keine Häscher oder Wächter in der öden finstern Nacht antreffen können, auch hatte er bemerkt, dass das ganze grosse Haus von jenen Mördern und Raubgesellen angefüllt war, so dass eine hülfe von wenigen Menschen nutzlos und für diese nur gefährlich geworden wäre. –

Gegen Morgen erst kehrte er zurück: in allen Zimmern waren die Dienstleute, der alte Guido, die alte Ursula, der Haushofmeister, die Kammerdiener, alle gebunden und geknebelt, einige fast tot vor Furcht und Schrecken.

Nun verbreitete sich das Gerücht von dem schrecklichen Ereignis durch die Stadt. Man kam und sah mit Entsetzen die Greuelszene des Mordes. Einige Damen erbarmten sich der Leiche und bekleideten sie, indem sie die hohe Schönheit des entseelten Körpers mit Bewunderung betrachteten.

Mit scheinbarer Betrübnis kam nun auch Graf Orsini wehklagend herbei. Er liess die Leichname in die nahe Kirche bringen und dort ausstellen. Flaminio war so entstellt und zerhauen, dass man ihn nur mit Mühe wiedererkennen konnte.

Die Tat war so abscheulich, so frech unternommen und ausgeführt, dass weder Padua noch der Staat von Venedig sich ruhig dabei verhalten konnten. Auf dringendes Ansuchen ward der Türhüter eingezogen, und erst gütlich, dann auf der Folter befragt; der zerknirschte Camillo meldete sich von selbst, und bekannte so viel, als er vom Komplott wusste.

Indessen liess Orsini, der sich als naher Verwandter aller Anstalten bemächtigte, die beiden Leichname ohne alles Gepränge und so still, wie möglich beerdigen. Der Adel wie das Volk murrten darüber, dass so