1840_Tieck_098_12.txt

, was zwischen diesen Äussersten liegt? Und, dass ich es dir nur gestehe, ich war dem kleinen Camillo immer gut, aber noch niemals hat er mir so sehr gefallen, als in seiner aberwitzigen komischen Rede, die dich so sehr gegen ihn aufgebracht hat. Diese Kraft hätte ich ihm niemals zugetraut. Ist es denn also möglich, wie du neulich äussertest, dass ich auch noch leidenschaft und Wunsch nach der Ehe würde kennenlernen, nun so erzieht sich vielleicht meine Zärtlichkeit für meinen Mattei noch zu dieser Liebe. So lass denn diesen Gefühlen ihren Lauf und es ergibt sich nach Jahren vielleicht, dass du richtig gesehen hast."

"Dass der Wahnsinn ansteckend ist, erfahre ich nunmehr ganz deutlich", sagte die Mutter und sprach nun kein Wort mehr. –

Camillo ging indessen langsam und zögernd nach dem haus seines Oheims zurück. Ja, ja, sprach er bei sich selbst, recht hat der alte verdriessliche Mensch! Die Vornehmensie taugen alle nichts! Nur bei der Armut wohnt Liebe und Tugend! das sehe ich an meinen Eltern, an so vielen Elenden! O dieser verächtliche Hochmut der armen, vergänglichen Sterblichen! – Und diese hochgetürmte weise Hoffarts-Dame! Was ist sie denn Grosses? Die Witwe eines wohlhabenden Advokaten und Richters: dazu hätte mein Vater auch gelangen können, wenn er das Vermögen besessen hätte, zu studieren. Sie ist freilich aus einem adlichen haus: ist aber doch auch zu einem Rechtsgelehrten hinabgestiegen! – Unsinn, dass sich mit dieser Ungleichheit auch die niedrigen Stände brüsten! – Ich, ein Geistlicher! Lieber Kohlenbrenner, Räuber, Bandit! – Und sieach ja, da im Saal ist es anders, als da unten, so nah an der Hölle, wo sie sich mir mit allen Kräften und Schönheiten ergab. Warum war ich so dumm und töricht, in diesem Taumel, wo wir die ganze Welt vergessen, nicht mehr zu verlangen? Sie hätt es nicht geweigert. Und was ist es denn Grosses? Das Nächste, Natürlichste, was ein einfach unverdorbener Mensch nur denken und begehren kann. War doch Busen, Knie und glänzender Leib schon mein, und in den Küssen entfloh meine Seele über ihre himmlischen Lippen in ihr Wesen hinüber. – Nichts! nichts! Alles ist eitel! Auch sie verwelkt und vergeht, nichts ist echt und wahr, als nur die Zeit und der Augenblick; und diesen muss der Kluge ergreifen! wenn er dazu entschlossen ist, so gehört ihm die Welt.

Zu haus angelangt, legte er sich nieder, denn er war wieder ein Raub des Fiebers.

Nach Tische wurde der Familie der allbekannte Hausfreund Don Cesare Caporale gemeldet. Mutter und Tochter waren erfreut, den wackern Mann begrüssen zu können, durch welchen sie aus ihrer Verstimmung gerissen wurden, und der ihnen durch seine unzerstörbare Heiterkeit eine anmutige Zerstreuung versprach.

Cesare Caporale war einer jener hohen schlanken Gestalten, die durch den Ausdruck harmloser Gutmütigkeit die Hässlichkeit ihres Gesichtes vergessen machen können. Sein Anstand und die Gebärde war edel, und man sah ihm an, dass er viel in der grossen Welt gelebt hatte. Die kleine, zurückgekrümmte Nase in dem langen, gebräunten Gesicht, die vielen Falten, gaben ihm neben dem fast Geringen und Possierlichen den Anschein eines höheren Alters, als er wirklich erreicht hatte, denn er war noch nicht fünfzig Jahr. Seine grauen, kleinen und lebhaften Augen verrieten den Schalk, denn sie begleiteten jedes seiner Worte mit so geistreichem Ausdruck, dass viele seiner Aussprüche von seinem mund witzig schienen, die man oft als Rede eines andern für unbedeutend würde gehalten haben.

Mit seiner gewöhnlichen Gutmütigkeit schüttelte er den beiden Damen die Hand, setzte sich behaglich nieder und sagte: "Da bin ich wieder einmal bei euch, ihr Gotteskinder, und das tut mir wohl, wie die Frühlingssonne dem Kranken. Ich war wieder da hinten in meinem geliebten kleinen Perugia und habe eine Zeitlang fröhlich mit meinen Freunden in meiner Vaterstadt gelebt. Das liebe Nest steht noch auf dem alten Fleck, keine meiner Bekannten ist in diesem Jahre gestorben, in meinem Vaterhause ist mein Quartier für mich immer offen, und so habe ich denn auch die Kirchen wieder besehn, die Berge besucht, und mich an den Gebilden unsers alten Meisters Pietro und seines grossen Schülers Raffael erfreut. Wie ich nach Rom komme, höre ich zu meinem Entsetzen, ihr alle hier wäret ersoffen, oder mit Erlaubnis zu sagen, ertrunken, was aber beinah auf eines hinausläuft. Das war ein Lamento bei allen den schönen geputzten jungen Narren, dass es nicht auszusagen ist. Je nun freilich, wenn man hübsch ist, wird man eher vermisst, als wenn man, wie ich leider, mit einer so fatalen Fratze herumläuft. Aber sagt um des himmels willen, was habt ihr eigentlich angefangen, dass man euch so verleumden darf: denn ich sehe ja, dass ihr hier ganz als vernünftige Wesen auf dem Trocknen beisammensitzt. Die hochgesinnte Mutter, die ausbündige Vittoria, und der hoffnungsvolle Flaminio sind alle wohlbehalten, wenn auch etwas nachdenkend, wo nicht gar gelangweilt, was ich aber doch nicht zu voreilig annehmen will."

Die Mutter übernahm es, ihm in kurzen Worten die sonderbare geschichte, die so leicht tragisch hätte endigen können, zu erzählen. "Seht! seht!" sagte Cesare am Schluss. "ich habe immer behauptet, dass unsre Virginia für ihre grosse Gestalt in ihren Gebärden und Bewegungen zu hastig und berührig