wie Flaminio sind durch die Grossmut meines Gemahls reichlich versorge; ich kann mich aber, so denke ich, nicht zurückziehn, das Testament als ungültig hinwerfen, und mich in ein Kloster verkriechen und von der unwilligen Gnade eines erzürnten Papstes leben. Dadurch würde die Ehre meines Gemahls gekränkt, und ich erklärte mich öffentlich für unwürdig, jemals an seiner Grösse teilgenommen zu haben. So zwingen uns immer wieder Bedingungen und Umstände zu Handelsweisen, sie legen uns Pflichten auf, von denen wir in gewöhnlichem Verhältnis, wenn wir alles aus der Ferne betrachten, keine Vorstellung haben."
Der Graf Luigi kam sehr verdriesslich von seinen Advokaten zurück, die ihm alle Schwierigkeiten des Prozesses auseinandergesetzt und ihm vorgestellt hatten, dass er wenigstens nicht so schnell, als er es gedacht, beendige werden könne, da die mutige Frau sich nicht einschüchtern lasse. Auch sei der Ausgang selbst sehr bedenklich, da sie so hohen Schutzes geniesse, der Vorwand, das Testament umzustossen, auch kein hinreichender sei.
"Diese Hunde von Advokaten!" rief er in Wut, als er wieder zu den Seinigen im Palast zurückgekehrt war. "Diese Federfechter mit ihren Klauseln und Praktiken! Ich habe alles dem kind, meinem Vetter, so fest versprochen, er tritt mir gern einen teil des Vermögens ab, künftig, als Schwiegersohn des Papstes muss er mir meine Güter wiederschaffen." –
Er versammelte seine Vertrauten um sich. Der den meisten Einfluss auf ihn hatte, war der verruchte Graf Pignatello, der vor keiner Tat und keinem Morde zurückschreckte: seine Liebe und Freundschaft besass aber der mildere Graf Montemellino, ein naher Verwandter jenes Blutdürstigen. Diese beiden und noch einige der Entschlossensten wurden zum geheimen Rate berufen.
"Je schneller geendigt, je besser", sagte Pignatello. "Kinder sind nicht da, die Toten schweigen und Prozess und Testament sind von selbst zu Boden gefallen." Luigi war derselben Meinung und der mildere Montemellino konnte seine Einwürfe nicht geltend machen. "Nein!" schrie Luigi: "abgesehen von allen meinen Vorteilen, so muss ich an dieser Kreatur Rache, blutige Rache nehmen. Nur wer jemals rechten, innerlichen, ewigen, wahren Hass empfunden hat, kann wissen und ermessen, welchen Grimm und welche Wut mir diese Buhlerin seit so vielen Jahren erregt hat. Kein Drache, Krokodil, Ungeheuer, keiner, der mir Vater und Mutter ermordet hätte, könnte je meine Seele mit diesem Abscheu anfüllen, wie er in Wut gegen dieses schöne Untier in meinen Eingeweiden kocht und siedet. Wie sie mich immer verletzt, zurückgestossen und gekränkt hat; nicht gegen den räudigen Hund kann man so viel Ekel und Widerwillen zeigen, als sie mir mit ihrer Mutter so unverhohlen bewies. Es war ein innerlichster Schwur, eine Aufgabe meines Lebens, und beides habe ich in keinem Augenblick, auch in meiner Brautnacht nicht, vergessen und aufgegeben, mich blutig an dieser Sirene oder Harpyie zu rächen. Und diese wonnevolle Stunde soll nun endlich geschlagen haben. Wer als ein Lump mir die Freundschaft aufsagen will, mag es jetzt tun, denn ich bin mir selbst genug."
Alle sagten mit Schwüren ihre hülfe zu und Orsini sprach: "So muss es bald, so muss es eilig geschehn, noch vor dem fest, denn unmittelbar nach Weihnachten, wie ihr es wisst, sollen wir nach Korfu absegeln. Die Kreatur muss morgen vernichtet sein."
Vittoria war zur beichte gewesen, und hatte mit mehr Erbauung als je das heilige Abendmahl genossen. Mit einem Gefühl des Schauers trat sie in ihren grossen, einsamen Palast. Sie sprach mit ihren Brüdern, dann war sie wieder allein. Flaminio, seit er nicht mehr für den Herzog beschäftigt war, wusste nicht recht, wie er seine Zeit anwenden sollte. Marcello, der sich mit Büchern nicht unterhalten konnte, wünschte als Soldat von der Republik angestellt zu werden, nur dünkte es ihm schmählich, bei Orsini, dem Feinde seiner Schwester, Dienste zu nehmen.
Vittoria suchte sich in Büchern zu zerstreuen und zu erheben. Aber ihr Schmerz war noch zu neu; sie betete oft im Stillen: "O gütiger Vater, gib, schenke mir nur eine, eine einzige Minute, in welcher ich meinen Verlust völlig vergessen kann, nur so viel, um auszuruhn, damit ich dann neu gestärkt zum Gefühl meiner Leiden zurückkehren möge." Aber wie sie die Hand ausstreckte, wie sie ein Buch ausschlug, wie sie den Bissen zum mund führte, war es ihr immer, als wenn Bracciano nun neben ihr stände, mit jenem sterbenden Leichenblick, der sich ihr so tief, so unvergesslich eingeprägt hatte.
So war es Abend, so war es Nacht geworden. Sie war in ihrem Schlafzimmer, arbeitete, betete und las abwechselnd. Würde mir ebenso sein, sagte sie zu sich selbst, wenn ich ein geliebtes Kind von ihm an meinem Busen nähren könnte?
Marcello hatte schon beim Mittagsessen darauf angetragen, den Pförtner des Hauses zu entlassen, weil dieser ihm verdächtig erschien. Vittoria, ganz in ihren Gedanken vertieft, hatte diesen Vorschlag keiner Aufmerksamkeit gewürdigt. Jetzt schlich sich Camillo zu Flaminio, der im Vorzimmer schrieb, und wollte ihm mitteilen, was er glaubte, gehört, oder vielmehr erraten zu haben: Flaminio riet ihm zu warten, weil er den kräftigen Bruder Marcello rufen und suchen wolle. Sowie sich Flaminio entfernte, entfloh der geängstigte Camillo wieder, weil er sich vor Marcello fürchtete, und nicht den Mut hatte, diesem seine