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Er lachte wieder und Vittoria sagte: "Lasst das, werter Graf, ich hoffe, dass wir uns über alle etwa streitigen Punkte vereinigen werden."

"Noch an einen Punkt muss ich erinnern", fing der Redselige wieder an. "Euer Gemahl war in aller Zeit sehr grossmütig und freigebig, er liebte, wie Ihr es wisst, Pracht und Aufwand, und so musste ich ihm einmal, als er sich in Not befand, mit einer sehr bedeutenden Summe aushelfen. Ich kann Euch durch meinen Advokaten die bündige Verschreibung, von ihm selbst unterzeichnet, vorweisen lassen. Für diese grosse Summe, die ich jetzt bei meiner Ausrüstung nach Korfu sehr gut brauchen könnte, würde mir, so wie ich es kenne und überrechne, ungefähr der Schatz Eures Silbergerätes ausreichen. Was die Juwelen und altererbten Schmuck und Kostbarkeiten betrifft, so kann der Grossherzog und Kardinal unmöglich diesen fast königlichen Juwelenschatz aus der Familie entführen lassen."

Vittoria stand auf und der Graf ebenfalls. "So soll ich denn", sagte sie, ohne Zorn, aber ihn fest anblikkend, "völlig beraubt und geplündert werden. Wie ich Euch sagte: persönlich werde ich mich nicht darein mischen, das Recht und meine hohen und höchsten Beschützer mögen für oder gegen mich sprechen: diesem Ausspruche werde ich mich unbedingt fügen." – Sie gab dem lästigen Besucher das Zeichen, dass sie ihn verabschiede. – "Nicht in Zorn", sagte er, sich tief verneigend, "entfernt mich so, schönste Muhme, erlaubt mir vorerst noch einen Kuss der Ergebenheit auf diese himmlische Hand zu drücken. Ich muss doch wieder lachen seid mir nicht böse deshalb. Gedenkt Ihr des Tages, als Ihr Euch mit dem kleinen Peretti vermähltet? In der Kirchtür stand ich grimmig und erbost hinter Euch, meine leidenschaft war so ungeheuer, dass ich ihn und Euch mit dem Dolch hätte niederstossen können, und ich sagte Euch ins Ohr: 'Wir sehen uns, oder wir treffen uns wieder!' – Nun freilich sind wir auch wieder zusammengekommen, und sprechen hier, wie alte Handelsleute über Geld und Geldeswert,"

Vittoria war nach diesem unglückseligen Besuch des Frechen in einer Stimmung, dass sie in eine Wüste hätte ziehen mögen, um nur kein menschliches Antlitz mehr zu sehen. Sie liess ihren alten, ehrwürdigen Rechtsgelehrten ruf en, um sich an seinem Gespräch wieder etwas zu beruhigen. Er tröstete sie, und sagte unter andern: "Sorgt nicht zu sehr, Exzellenz; diese Anfälle des rohen Menschen geschehen mehr, Euch zu kränken, als dass er irgendeinen festen Grund hätte, auf welchem er fussen könnte. Es wäre unerhört, wenn ein mächtiger, reicher Herzog, der im Bewusstsein aller seiner Seelenkräfte stirbt, nicht in einem legalen Testamente seiner rechtmässig von der Kirche angetrauten Gemahlin sein Mobiliar, bares Geld und Schmuck sollte vermachen dürfen. Wenn Ihr Euch dieser und jener Sache, vielleicht des zahlreichen Marstalls, der Euch mehr belästigen, als nutzen mag, entäussert, so kann das nur durch Euern freien Entschluss und auf dem Wege des Vergleichs geschehen, auf keine Weise durch Zwang. Über seine alte Schuldforderung an Euern Gemahl möchte man lachen; er, der Verschwender, Verschuldete, war wohl niemals in der Lage, dem Herzoge einen so grossen, bedeutenden Vorschuss leisten zu können. Wäre es aber selbst der Fall, so müsste er um Wiederbezahlung bei den Haupterben, dem Sohn, der die herrschaft und alle Güter bekommt, nicht aber bei der Nebenerbin, seine Forderung einreichen. Es ist keine Frage, dass die Medicäer und die Orsini dies Testament des weisen Herzoges umstossen möchten, aus Eigennutz und Hass: auch der Papst, der Euch, erhabene Frau, aus begreiflichen Ursachen nicht gewogen ist, riet Euch, wie Ihr wisst, die Erbschaft fallenzulassen, und Euch in ein Kloster zurückzuziehn, in welchem er Euch dann mit einer jährlichen ansehnlichen Summe versorgen würde: Ihr habt dies Anerbieten aber, und mit Recht, zurückgewiesen. Da der Herzog Euch keins (wie er es immer noch gekonnt hätte) von seinen vielfachen Gütern vermacht hat, um Euch nicht Euern Feinden auszusetzen, so kann nach Recht, Gesetz und Herkommen auch von diesem übermachten Vermögen Euch nichts entrissen werden. Ihr seid als adliche Tochter der Republik anerkannt, der Herzog von Ferrara hat Euch auf bestimmte Weise seinen Schutz zugesagt und so darf Florenz nicht wagen, die Orsini noch weniger, gegen die grosse, gewaltige Familie, einer Nebensache wegen, in offne Feindschaft auszubrechen: und der Papst am wenigsten, der seinen Vorschlag nur als Rat einsendete, und der das gewaltige Ferrara, das schon oft verletzt wurde, schonen muss Dieser Luigi will sich auch nur, nach seinem schlechten Lebenswandel, bei den Florentinern und den Erben von Bracciano wichtig machen, um etwas zu gewinnen: vom Papst möchte er gern die eingezogenen Güter wiederhaben, und meint auch diesen für sich zu erobern, wenn er Euch etwa einschüchtern könnte: befehlt darum strenge, dass der Freche niemals wieder über Eure Schwelle gelassen werde, und wir alle werden mit Erfolg Euer Recht beschützen."

"Wenn ich nur meiner Stimmung folgte", antwortete Vittoria, "so würde ich alles von mir werfen, und mich mit wenigem in die entfernteste Einöde zurückziehn, um niemals wieder in die Nähe von Menschen zu kommen: ich brauche ein Geringes; meine würdige Mutter, die sich meines Glanzes erfreut haben würde, ist gestorben, so wie mein ältester Bruder, Marcello