1840_Tieck_098_117.txt

Diensten er gewesen, seit er von der Galeere frei geworden. "Jetzt ist dieser Herr Luigi hier in Padua", so beschloss er.

"Hier?" rief Vittoria in der grössten Bestürzung aus.

"Ja wohl", sagte Camillo, "er hat den grossen Palast Barbarigo dort am wasser eingenommen, er mit allen seinen braven und furchtbaren Männern. Die Republik hat den tapfern Grafen schon seit einiger Zeit in ihre Dienste berufen, und er geht in wenigen Tagen mit uns allen als Militär-Gouverneur nach Korfu ab."

"Nach Korfu? und bald?" fragte die Herzogin, etwas beruhigt.

"Ja wohl", sagte Camillo, "denn Venedig, so sagt man, will dort eine tapfere Besatzung und einen kühnen Anführer hinlegen, weil von den Türken grosse Gefahr zu besorgen sei."

Camillo entfernte sich wieder, in seiner Imagination diese Vittoria mit jener vergleichend, die er vor zehn Jahren geküsst, deren Reize er ohne Schleier gesehen hatte. Jetzt zitterte er vor der, welche er damals so kühn umarmte.

Auch Vittoria mass ihren jetzigen Zustand mit jenem kindlichen von damals. Jetzt hatte sie nun den Brunnen und den grossen Saal des Apone oder des Pietro von Abano gesehen, auch dessen Bildnis, und wie gleichgültig und unbedeutend war ihr alles erschienen.

Nicht lange, so erschien Luigi Orsini selber vor ihr, den sie nicht, wenigstens diesen seinen ersten Besuch, hatte abweisen können. Er war stärker geworden, im Antlitz ganz gebräunt, doch hatten ihm die Erfahrungen von zehn Jahren ein milderes Ansehn gegeben. Er bemerkte es wohl, wie Vittoria bei seinem Eintritt zitterte, er aber näherte sich verbindlich, küsste mit Anstand und fein sich verbeugend die Hand und sagte: "Schöne Muhme, ich muss vor Euch erscheinen, wenn Ihr mich auch vielleicht ungern seht, um Euch mein Beileid über Euern grossen schmerzlichen Verlust, das Abscheiden des edelsten Mannes zu bezeugen, den wir Orsini alle immerdar gern und ohne Widerspruch für das edelste Haupt unsrer Familien anerkannten, dessen Wille uns fast immer für einen Befehl galt, und dem sich auch die Kecksten unter uns in Ehrfurcht beugten."

Vittoria sah in verwundernd an, und bestätigte gern, was er von den Tugenden und dem Adel ihres Gemahls ausgesprochen hatte. "Ihr habt", fuhr Luigi fort, "an Schönheit gewonnen, erlauchte Herzogin, die Zeit vermag nichts über Eure Reize, eine erhabne Majestät regiert in Euren Zügen, aber doch ist es noch viel zu früh, dass ihr Euch den Matronen zugesellen könntet. Nun solltet Ihr so bald als möglich diese Trauergewande ablegen, denn sie heben Euern Reiz so strahlend hervor, dass Ihr nur um so vieles verführerischer erscheint."

Vittoria wollte ihn mit einem strengen Blicke strafen, der aber an seinem feinen, fest stehenden Lächeln abglitt.

"Zürnt mir nicht", fuhr er ungestört fort: "zwar widerfuhr es mir ehemals ebenso, und ich darf mich wohl keiner andern Begegnung von Euch erfreun, obgleich ihr jetzt Witwe, und widerum ganz frei seid. Was aber könnte mir Liebe und leidenschaft nutzen, da ich an eine schöne Frau gefesselt bin, die auch aus einem hohen haus stammt? Und sie etwa umbringen, um mich einer andern Schönheit würdig zu machen, wäre doch zu grausam, obgleich man sagt, dass Liebe und Grausamkeit wohl aneinander grenzen. Habe ich Euch doch in meiner Jugend auch dergleichen vorgeschwatzt, wodurch ich Euch erzürnte. Ich drohte Euch damals, wenn ich mich recht erinnere, sogar mit Tod und Untergang, und ich muss über meine törichte Heftigkeit selber lachen, wenn ich sehe, wie wir uns jetzt, in diesem Augenblick gegenüberstehn."

Er lachte mit dem Ausdruck des albernsten Leichtsinnes, indessen Vittoria im Innersten erschauderte und ihr Angesicht von ihm abwenden musste. Doch, um wieder ernstaft zu sein, fing er von neuem an: "Ich bin bei Euern würdigen und sehr angesehenen Rechtsgelehrten gewesen, und diese werden es Euch auch wohl mitteilen, verehrte Muhme, dass ich gegen das Testament Eures erhabnen Gatten einen Einspruch erhoben habe, zum Besten meines armen Neffen Virginio, und der Grossherzog von Florenz, sowie der Kardinal Ferdinand sind darin mit einverstanden, dass er, der Verwaiste, nicht so sehr darf beschädigt werden: ich bin auch überzeugt, dass der strenge, feste Papst auf unsere Seite treten wird."

"Von diesen Sachen", erwiderte sie, "verstehe ich so wenig, dass ich bitten muss, alles dies mit meinen Advokaten abzumachen, die man mir als sehr gelehrte und rechtschaffene Männer anempfohlen hat: auch mögt Ihr mit dem Dogen wenn ihr es gut findet, darüber sprechen, oder Euch an den Herzog von Ferara wenden, die sich als meine Beschützer erklärt haben."

"Ich wenigstens", antwortete Luigi, "kann dergleichen nicht abwarten, denn ich segle schon in diesen Tagen mit meinen Leuten nach Korfu ab, kann also erst später die Entscheidung erfahren. Aber was, reizende Dame, wollt Ihr nur mit dem ganzen grossen Marstall eines so berühmten Reiters und Jägermeisters, wie es der Herzog war, anfangen? Alles Mobiliar ist Euch vermacht, kann man aber wohl rennende und springende Rosse, wenn sie sich gleich bewegen, ein Mobiliar nennen? Diese Tiere sind Euch ganz unbrauchbar. Ja, wärt Ihr eine wilde Reiterin, wie jene Margareta von Parma es war, so liesse sich dieser Punkt des Testamentes, oder die Auslegung eher begreifen.