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Verbrechen seines Lebens vorzuhalten, und keine giftigen Dünste oder Getränke, sondern die Qual des aufgescheuchten Gewissens habe seinen frühen Tod herbeigeführt.

Vittoria ertrug ihren Schmerz, wie grosse Seelen fast immer die herbsten Verluste zu tragen pflegen. Man sah sie nicht klagen und weinen, ihr Unglück war zu gross, um sich in solchen Leiden kundzutun. Sie lebte in einer stillen, erhabenen Resignation. Ihr Leben war beschlossen: ein Frühling, Sommer und Herbst war ihr Glück gewesen, in diesen wenigen Monaten war der Inhalt ihres eigentlichen Daseins befangen. Die Erinnerung dieser ländlichen Einsamkeit war jetzt ihr Genuss, sich jede, auch die kleinste Begebenheit, den unbedeutendsten Scherz wieder lebhaft herbeizurufen.

Sie hatte den für sie bestimmten Palast in Padua bezogen. Der Magistrat der Stadt, der hohe Adel, sowie einige der vornehmsten Geschlechter aus Venedig hatten sie ehrerbietig als Herzogin von Bracciano begrüsst und ihr Schutz und Sicherheit zugesagt.

Viele Diener, einige Stallmeister, alles was zum Gefolge einer mächtigen Familie gehört, umgab sie. Der Herzog hatte schon früher ein Testament zu ihrem Vorteil gemacht, in welchem er ihr alle baren Summen, das Geschmeide, Juwelen und Kostbarkeiten, alles Silbergeschirr, den Marstall und alle Mobilien seiner Güter gerichtlich übergab, sowie den wohleingerichteten Palast in Padua. Das Testament war unter den Schutz des Herzogs Alfons von Ferrara, sowie einiger anderer Grossen gestellt, weil Bracciano gegen die Familie der Orsini ein gerechtes Misstrauen hatte, er auch wohl überzeugt sein konnte, dass das Haus der Medicäer dieser Verfügung nicht hold sein würde. Sollte und konnte der Fürst von Este die Herzogin Vittoria Bracciano schützen und mit Kraft vertreten, so war dies freilich auch Veranlassung, den Fürsten von Florenz gerade deshalb zu Streit und Eifersucht zu bewegen, weil schon seit lange Ferrara und Florenz in beständigem Zwiespalt lebten. Alle Güter und übrigen Schlösser des Bracciano, seine grosse herrschaft, alles verblieb dem Sohn Virginio, welchen er mit der Schwester des Grossherzogs von Florenz, Isabella, erzeugt hatte. Man konnte also billigerweise wohl nicht behaupten, dass der verstorbene Herzog seinen Kindern zu viel entzogen habe, um die kinderlose Vittoria allzusehr zu begünstigen.

Wäre die grossgesinnte Witwe irgend geneigt gewesen, viele Menschen um sich zu sehen, so war der Adel der Stadt und der Umgegend geneigt, ihr seine Huldigung darzubringen. In ihrer Stimmung zog sie aber die Einsamkeit vor und den Umgang einiger Gelehrten und edlen Priester. Wer so grosse, unnennbare Schmerzen durchlebt, der wendet sich gern in der Einsamkeit seines verwaiseten und verarmten Herzens an die ewige Liebe des Unnennbaren, die dem Menschen am ersten im Unglück sichtbar wird. Poesie und Gelehrsamkeit verliessen die Ärmste nicht und ihre Stimmung war auch nicht der Art, dass sie diese Göttergaben, diese himmlischen Begleiter des Lebens, vorsätzlich als Torheit verabschiedet hätte; aber so, wie ihr sonst der Olymp und Parnass, Apollo und sein liebliches Gefolge, der Tanz der Grazien und das Necken der Amorinen persönlich anschaulich gewesen und in ihren dichtenden Stunden immer näher getreten war: so erwachte jetzt das Bedürfnis bestimmter in ihr, sich jenen Unsichtbaren, den in der Andacht Geahneten, in Bildung und Gestalt als Vater und Tröster zu verwirklichen, sich diesem Vater der höchsten Liebe ganz hinzugeben, der sich durch den Schmerz, das Mitleid mit dem Menschengeschlecht und die Inbrunst seiner Liebe sich selbst und dem Vater der armen Sterblichen so himmlisch verständlich gemacht hatte. Sie fühlte deutlich, dass, soviel sie geschaut und empfunden hatte, doch eine Lücke, eine Kluft in ihrem Herzen geblieben war, die der tiefste Lebensschmerz ihr erst entdeckt und beleuchtet, und ihr zugleich gewiesen hatte, wie diese Leere durch Liebe auszufüllen sei. Sie erfuhr nun an sich, dass die ewige Liebe sich keinem entzieht, der sie wahrhaft und mit ernster Anstrengung sucht, und auch in diesen Übungen der Andacht fühlte sie den teuern Gemahl wieder ganz nahe in ihrer Gegenwart.

Unter den merkwürdigen Besuchenden trat auch der mehr als achtzigjährige Sperone wieder zu ihr, mit dem sie von Literatur, den Gelehrten, und dem armen eingekerkerten Tasso sprach. Es schmerzte sie innig, dass der Greis weder Tassos Talent noch Unglück in seiner ganzen Grösse anerkennen wollte.

Als diese grosse ehrwürdige Gestalt sich entfernt hatte, trat auf sein dringendes Verlangen der schmächtige, zitternde Camillo Mattei ein, der so herzlich wünschte, seine ehemalige Jugendgespielin nach zehn vollen Jahren als grosse, reiche Herzogin und mächtige vornehme Dame wiederzusehn. Vittoria musste wider ihren Willen über die sonderbare Verlegenheit ihres Jugendfreundes lächeln. Sie suchte ihn zu beruhigen und sicher zu machen, indem sie ihren Ton jener ehemaligen Vertraulichkeit näherte. Er fasste endlich mehr Mut, und erzählte von seinen Eltern, welche beide schon seit Jahren gestorben seien, sein Oheim Vinzenz mache sich in Tivoli gute Tage, indem er durch den Bischof Ottavio wohlhabend geworden sei, auch eine bessere Pfründe erhalten habe. Er selbst habe in diesen zehn Jahren vielfaches Elend durchgemacht und kennengelernt. Die Lebensweise auf der Galeere sei eben nicht die schlimmste gewesen, oft sei er in der Gesellschaft der Banditen noch schrecklicher gemisshandelt worden, wenn es freilich auch hie und da gute Tage gegeben habe. Seit nun der grausame Sixtus der Fünfte den päpstlichen Tron bestiegen, hätten alle sich mit der grössten Eil und Angst aus dem Kirchenstaat geflüchtet, jeder, der ergriffen, sei hingerichtet worden, und so hätten viele der bravsten Männer auf erschreckliche Weise ihr Leben eingebüsst. So habe sich Piccolomini und Sciarra und andre Bandenführer fortgemacht, ebenso der unvergleichliche Luigi Orsini, in dessen