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begeben. Unterwegs sagte Pepoli: "Ihr werdet einen sonderbaren alten Verwandten von mir kennenlernen: diesen Velluti, den ich damals mit einiger Anstrengung befreite. Er war früher der Ausbund eines übermütigen Mannes, keine Unternehmung war ihm zu kühn, man nannte ihn in der kleinen Stadt nur den tollkühnen Alten. So war er denn auch den Banditen dort sehr gefährlich, die vor seinem Namen zitterten, bis es den Bösewichtern gelang, ihn aus dem eignen haus wegzurauben, und ihn unter stündlicher Todesbedrohung viele Tage im inneren Gebirge zu verstekken. Seitdem denkt, sieht und hört der arme nichts, als Banditen, denkt und träumt nur Mord und Brand, und aus dem verwegensten Menschen ist die feigste Seele geworden."

Sie gelangten an das Schloss, das in einer schönen, grünen Einsamkeit sich stattlich zeigte. Es war fest, wie es die damaligen unruhigen zeiten notwendig machten, da Kampf und Überfall täglich sich ereignen konnten.

Schon vor dem Tore kam ihnen der zitternde Velluti entgegen. Weinend küsste er die Hand des Grafen und rief bewegt: "O mein Wohltäter! so sehe ich Euch doch noch einmal in meinem Leben wieder. Ich dachte, Euer liebes Angesicht nicht wiederzuerblicken. O nein, ich muss vergehn in meiner Angst, und Ihr werdet sterben, mein Hochverehrter. Ach! da sind zwei greuliche Menschen unten im Schloss, zwei von denen, die Ihr auch wohl in den schrecklichen Bergen kennenlerntet. kommt ihnen nicht zu nahe, lässt Euch mit ihnen nicht ein, wechselt kein Wort mit den Bösewichtern."

Sie betraten unter fröhlicher Begrüssung der Dienerschaft das Schloss. In den untern Gemächern traf Pepoli die beiden Flüchtigen. Der riesengrosse Antonio war, wie immer, ruhig und barsch: "Ich dachte nicht", sagte er mit grobem Ton, "dass ich noch einmal so herunterkommen würde, Eure hülfe in Anspruch nehmen zu müssen, aber der Sixtus ist schlimmer als ein toller Eber, so dass sich auch der wilde Piccolomini von ihm hat ins Bockshorn jagen lassen. Und so sind wir, so gut wir auch organisiert waren, ausgerissen, denn der verrückte Pfaffe weiss sich nichts Köstlicheres, als Rädern, Köpfen, Verbrennen und Strangulieren. Das ist sein Konfekt des Nachtisches, die Folterqualen selber mit anzusehn. O wohin ist unsre goldene Freiheit?"

Ascanio erzählte wehklagend eine traurige geschichte, wie klägliche Umstände ihn wieder jener früheren Verbrüderung zugeführt hätten. Der Graf gab ihnen bedeutende Summen, um sich mit diesen in das Venezianische, oder nach Korfu und Dalmatien, oder selbst nach Deutschland zu begeben. Sie eilten von dem freien Gebiete, wo ihnen keine Gefahr drohte, nach fern liegender Zuflucht, um dort ein neues Leben zu versuchen.

Als die Herrschaften in heitern Gesprächen beim Abendessen sassen, stürzten atemlos und bleich einige Diener herein: "Was gibt es", fragte der Graf. "Ist ein Unglück geschehn?"

"O weh!" schrie der eine, "das Haus ist mit Soldaten und Truppen umstellt."

"Und der alte Velluti", rief der andre, "ringt schon mit dem tod; so hat er sich über diesen Anblick entsetzt."

Alle erhoben sich vom Tische. "Was ist das?" rief der Graf; "was kann man von mir wollen? – Sind es denn Kaiserliche?"

"Nein", stammelte der Diener; "römische Krieger und Häscher."

In der Verwirrung hatte man den Anführer schon in das Haus gelassen, er trat höflich grüssend herein, und mahnte den Grafen, sich mit ihm nach Bologna zu begeben.

"Weshalb? Was hat es zu bedeuten?"

"Ihr wisst", fuhr jener fort, "die strengen, geschärften Befehle unsers Heiligen Vaters: wie jeder, der Banditen eine Freistätte gewährt, dem Gesetz verfallen ist."

"Wisst Ihr auch", sagte der Graf stolz und fest, "dass ich hier in diesem meinem Kastell der Vasall des Römischen Kaisers bin? dass in diesem Distrikt hier der Papst nicht mein Oberherr ist, und er mir hier gar nichts zu gebieten oder zu befehlen hat?"

"Ich folge der Ordre meiner Obern", antwortete der Barigello, "mich kommandiert mein General, Graf Cordori, dieser steht unter dem Kardinal Salviati, welcher im Bolognesischen die Befehle des Heiligen Vaters mit aller Strenge auszuüben hat. Wollt Ihr uns nun, Herr Graf, gutwillig folgen, oder sollen meine Leute Euch mit Gewalt fortführen?"

"Dieser Friedensbruch", sagte jetzt Bracciano, "und Verletzung des Bannes ist in der geschichte unerhört."

"Ich bitte um Antwort", sagte der Barigello.

Man übersah aus dem Fenster die ansehnliche Mannschaft der Soldaten und Häscher, alle zum Kampf gewaffnet, an Widerstand war also nicht zu denken, an Flucht noch weniger. "Ich muss mich ergeben", sagte Pepoli, "ich hoffe am Kardinal Salviati, der mir persönlich bekannt ist, einen verständigen Richter zu finden."

"Salviati ist mir von alter Zeit befreundet", sagte der Herzog, "und ich begleite Euch zurück nach Bologna. Er wird Vernunft hören und annehmen. Kann er, oder der Papst den deutschen Kaiser so mutwillig kränken und beleidigen wollen?"

Vittoria sah die beiden Männer mit Erstaunen und Wehmut an. Sie begriff eigentlich den Handel nicht. Unten lag Velluti als Leiche. Er hatte sterbend seinen Wohltäter grüssen lassen. –

Traurig, finster, kam Bracciano am folgenden Tage zurück