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grossem Einfluss, auf meine Worte, Bitten und Empfehlungen achten: dadurch, lieber Mattei, zwingt Euch das, was ich Schicksal nenne, Euch dieser Bestimmung und keiner andern zu ergeben. Und seid Ihr denn gar nicht stolz, junger Freund? Seht um Euch, wie grosse Männer allentalben aus Armut und Niedrigkeit sich auf diesem so ehrenvollen Wege emporgeschwungen haben. Hier, im geistlichen Gebiet, ist die echte Republik, die Gleichheit aller Geschlechter und Stände. Kirchendiener, Bischöfe, Heilige, ja Päpste sind aus Armut und Dunkelheit emporgestiegen, um der Welt zu leuchten, und ihre Familie zu verherrlichen. Haben wir nicht ganz in der Nähe ein Beispiel an unserm Kirchenfürsten, dem gelehrten grossen Kardinal Montalto, dessen Familienname Peretti ist? Wer spricht im römischen Staat, ja in ganz Italien diesen Namen Peretti nicht mit Ehrfurcht aus? Und er ist einem so armen, niedrigen, schwachen haus entsprungen, dass Eure wakkern bürgerlichen Eltern sich gegen seine Familie wohl eine vornehme dünken mochten. Als Knabe war dieser grosse Geist genötigt, das Vieh zu hüten, durch Almosen ward er grossgezogen, schwache, armutselige Priester und Mönche waren seine ersten Beschützerund jetzt! Ist er auch nicht reich, so kann er doch, wie jeder Kardinal, in wenigen Jahren wohl selbst Papst werden. Seht, mein Freund, der Stand, den Ihr nicht achten wollt, ist einzig der, wo Fleiss und Charakter sich geltend machen, und die Schwächsten, hier durchgedrungen, die Welt beherrschen können."

Die Frauen erschraken, als in diesem Augenblicke der erst verschüchterte Camillo ein lautes lachen aufschlug. "O ja", rief er, "ich kann auch nach Asien wandern, mich für heilig ausgeben und der grosse Mogul werden. Was hindert mich, es auf den weltberühmten geheimnisvollen Priester Johannes anzulegen? Von Melchisedek und den drei Königen aus dem Morgenlande weiss man auch die Abstammung nicht. Dürfte es nicht auch geraten sein, sich mit dem Ewigen Juden zu assoziieren und sich von dem Brausewind zum Kompagnon annehmen zu lassen? Der macht ja auch Geschäfte mit und in aller Welt."

Plötzlich schwieg er still, sah starr vor sich nieder, und trocknete sich heimlich eine Träne aus dem Auge. Mutter und Tochter sahen sich mit Erstaunen an, und die sonderbare Blässe des Marmors stand auf Vittorias Angesicht. Camillo richtete sich in mächtiger Verwirrung auf und sagte mit gebrochener stimme: "Verzeiht mir, ihr Hochverehrten, meine Ungezogenheit. Ich bin ein elender Mensch, und verdiene nicht, in guter Gesellschaft zugelassen zu sein. Mir geschieht recht, wenn ich von den edlen ausgestossen werde."

Er erhob sich zitternd. Demütig nahte er der Signora Julia und küsste ihre Hand, dann näherte er sich der Tochter, fasste ihre Finger, hielt sie lange fest, und konnte dann seine Lippen kaum entfernen, indem er fühlte, wie sein Druck, wenn auch nur leise, von der schönen Jungfrau erwidert wurde. So wankte er dann, wie ohnmächtig, zur Tür hinaus.

Mit dem Ausdruck der Heftigkeit stand die Matrone vom Sessel auf und ging an das Fenster. Vittoria blieb auf ihrem stuhl und sah mit etwas scheuem Blicke nach der Mutter hinüber. -"Also schon jetzt!" rief die Mutter aus; "ich habe es ja gesagt! So ist die elende Beschaffenheit unsrer menschlichen Seele, dass aus jedem ungefähr tolle Hoffnungen erwachsen, deren sie sich schwindelnd bemächtiget. Nun ist man stolz, und trotzt und pocht in verächtlicher Aufregung einer rasenden leidenschaft. Man spielt den Herrn der Welt, indem man tief unter dem blödsinnigen Bettler steht. Und eigentlich hast du es verschuldet!"

"Ich?" fragte die Tochter erschreckend.

"Weil du kindlich und unerfahren dein Herz und deine Zunge nicht genug bewachtest. Deine unschuldige Neigung hat er in seinem männlichen Eigennutz ganz anders gedeutet: diese angeborne Eitelkeit und Anmassung des Geschlechts hat dich ihm schon erniedrigt, weil du höher standest, als er, weil du ihm reizend und wünschenswert erscheinst, seine Einbildung hat dich schon in Besitz genommen, und dass sein Irrsinn schon zur wahren leidenschaft herangewachsen ist, zeigt seine Raserei, die wir von ihm haben ertragen müssen."

"Was kann ich aber für das alles?" warf Vittoria mit Schüchternheit ein.

"Wie? Törin?" eiferte die Mutter, "sah ich es denn nicht (o ja, du kannst es meinem scharfen Auge nicht ableugnen), dass du ihm noch beim Abschied die Hand drücktest?"

"Und wenn es ist", sagte Vittoria, "gibt es etwas Unschuldigeres? Er tat mir so leid, weiter habe ich mir nichts dabei gedacht."

"Und du meinst", antwortete die Matrone, "dass der Ungestüme sich diesen Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben? Für eine Liebeserklärung von deiner Seite hat er ihn genommen. Liebst du ihn wirklich, so tatst du etwas sehr Unrechtes, aber du handeltest ehrlich; liebst du ihn aber nicht, so war es ein armseliger Betrug, und gehört zu jenen schlechten Künsten, mit denen Weiber, die mit Recht verrufen sind, Handel und Wandel treiben, und nur gar zu oft durch fortgesetzte Unwahrheit die edelsten Männer zur Verzweiflung bringen."

"Du gehst im Eifer zu weit", sagte die Tochter mit grosser Ruhe. "Gibt es denn ausser wilder roher leidenschaft, die unbedingt auf Besitz dringt, und jener kalten toten Gleichgiltigkeit, nichts Edles, Freundliches, Zartes