Bruder sich alles für jene hat zuschulden kommen lassen. Dort werdet Ihr zu sorgen haben, dass nicht untergeschobene Kinder Eure Rechte kränken. Nicht soll mein Virginio je darunter leiden, dass ich mich in meinem Alter noch den glücklichsten aller Menschen nennen darf. Und Euer grosser Vater: gab er nicht in Krankheit und Schwäche noch einer leidenschaft nach, die auch viele, selbst von seinen Freunden, tadeln wollten? Ich bin Euch und Eurem Bruder verbunden, dass Ihr Ordnung in mein Hauswesen und Vermögen habt einführen wollen; es wird meinen Kindern zugute kommen. Aber arm, ohne Rang und Titel, ein Bettler möchte ich lieber sein, als den Besitz meiner Vittoria aufgeben, die noch tiefer in mein Herz eingewurzelt ist, die ich noch leidenschaftlicher liebe, seit ich sie meine Gattin nenne. Ihr selber würdet sie verehren, wenn Ihr sie näher kennenlerntet." –
Der Medicäer schien mit dieser Auseinandersetzung nicht unzufrieden, und er musste sich gestehn, dass Vittoria, von fast ebenso edler Abkunft, wie jene, ihm verhasste Bianca, war, und dass ihre Schönheit, Betragen, Tugend und edle Weise weit über die Eigenschaften jener vorragten und die gealterte Buhlerin in den Schatten stellten. –
Sixtus bewilligte das Gespräch, um welches Bracciano angesucht hatte. Dieser musste einige Zeit im Vorsaal warten, was seinen Stolz aufreizte, indem er sich jener zeiten erinnerte, in welchen er mit Geringschätzung auf diesen Montalto hinabgesehen hatte. Er wurde eingeführt, und traf den Papst allein, in seinem Sessel sitzend. Als der Herzog die herkömmliche Veneration geübt hatte, sah ihn Sixtus mit seinem scharfen hellgrauen Auge blitzend an, doch Bracciano war gefasst und vorbereitet:
"Indem ich Euern Segen, Heiligster Vater, für mich und die Meinigen erflehe", sprach er, "empfehle ich mich und uns alle in Euern Schutz und Eure Gnade. Die Gnade aber, die ich am höchsten stelle, ist, dass Ihr meinen Sohn Virginio, der sich den reifen Jahren nähert, würdiget, dass er der Gemahl Eurer Nepotin, der Tochter Eurer verehrten Schwester Camilla, werden möge. Dann sichert Ihr auf immer das Wohl meiner Familie und ich kann ruhig sterben."
"Ihr seht nicht aus, wie ein Mann des Todes", antwortete Sixtus, "und ein neu verehlichter Gatte sollte nicht vom Sterben sprechen. Was Euren Sohn und meine geliebte Nichte betrifft, so danke ich Euch für Euer Anerbieten, durch welches Ihr sie ehrt. Und so wünsche ich Euch auch zu Eurer Verbindung alles Glück, obgleich mir diese schöne Vittoria mehr gefallen würde, wenn sie damals, als sich jenes Unglück ereignete, sich in ein Kloster als fromme Schwester verborgen, und der sündigen Welt völlig entsagt hätte."
Jetzt stand der Papst auf und ging mit schnellen Schritten durch den Saal. Soeben wurden Verbrecher auf dem platz hingerichtet. Er trat an das Fenster und rief den Herzog zu sich hinan: "Seht!" rief er, "auch Banditen und Mörder, denen ich niemals, unter keiner Bedingung, Gnade erweisen werde! – Ja!" rief er aus, indem seine kräftige stimme wie Donner tönte und sein blitzendes Auge wilder in das Gesicht des Herzogs sah – "und wenn ein regierender Fürst, der durchlauchtigste, so vor mir stände, so würde ich ihm ungesäumt sein Urteil sprechen, und ebenso dort unten an ihm vollstrecken lassen! – Alles sei vergessen, was meinen Neffen betrifft – aber jeder neue Frevel, jede Verbindung mit Banditen, jede Gewalttat in meinen Staaten – bei Gott und meiner Ehre und der des Stuhls" – er schlug heftig mit der Faust auf seine Brust – "nur Strang und Beil sollen sie richten, ohne Ansehn der person!"
Bracciano, so kühn er sich fühlte, erschrak und musste vor diesem Feuerblick sein Auge scheu niederschlagen. Die Kämmerer im Vorsaal entsetzten sich, weil sie nicht wussten, was vorging, und sie diese Donnerstimme des Papstes von ihm noch niemals vernommen hatten. – Mit der gewöhnlichen Zeremonie entfernte sich Bracciano. –
"Was ist dir, Geliebter?" fragte Vittoria besorgt, als der Herzog in seinen Palast zurückgekommen war; "du siehst bleich aus, dein Auge ist ohne Glanz: du wirst erkranken."
"Lass, Liebste", erwiderte der Gatte, "ich bin wohl und gesund, und diese Erschütterung wird bald vorübergehen. Aber wir verlassen Rom, schon morgen mit der Frühe."
Vittoria erstaunte. "Ja", sagte Bracciano, "ich habe in Schlachten dicht vor den morderfüllten Kanonen gestanden, türkische Säbel blitzten tödlich nahe über meinem haupt, aber bis heute wusste ich nicht, was Zittern sei. Doch der Alte dort im Vatikan brüllt wie ein wütiger Löwe und hat den blick eines Tigers. Er lechzt nach Blut und Mord: ihm wage ich nicht gegenüberzustehn."
"Dieser alte, milde, schwächliche Montalto?" sagte Vittoria lächelnd.
"Zum Drachen ist er hinausgewachsen", sagte der Herzog: "unser Untergang, unsre Hinrichtung würde ihn mit trunkner Lust erfüllen, und wie leicht, dass einer meiner Anhänger sich vergisst, dass selbst dein Bruder, der Marcello, mich in Gefahr bringt, dass die geschichte vom tod Perettis wieder aufwacht, die er nun nicht, wie damals, beschwichtigen wird. Wir müssen fort von hier, je weiter, je besser, bis an die Grenzen der Schweiz und Deutschlands. Dort oben, am schönen Gardasee, in Salo,