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verfinstert und dunkel.

Caporale liess beim Bankett und Nachtisch die Rosenkränze hereinbringen, die man auf seine Anordnung geflochten hatte. Nach alter Weise musste sich jeder mit einem schmücken und nun wurden auch die Dienerinnen entlassen. Jetzt extemporierte Caporale ein Lied und sang es herzlich, wenn auch mit etwas heiserer stimme. Jeder Gast folgte dem Beispiel und nur Bracciano, an den Busen seines Weibes gelehnt, sagte, dieser stumme Ausdruck seines Gefühls sei das wahre und beste Gedicht, das er aus seinem Herzen in seine Augen, aber nicht auf seine Zunge hinaufbringen könne.

Vittoria improvisierte ungefähr in folgender Weise, indem sie die Laute ergriff und in schöner, malerischer Haltung mit ihrer Silberstimme sang:

"Gibt es Götter? Lebt und webt die unsterbliche Lust noch droben im Olymp? Komm, du ernster, trüber Zweifler, und siehe uns hier und unser Glück. Kannst du schauen, und ist dein Auge nicht blöde vom Erdenstaub, dein Geist nicht stumpf vom irdisch trüben Geschäftso siehe dort die holde Kypria stehen und lachen, mit Amor, der zu uns herüber schalkhaft blickt: auch der magdliche Bacchus ist zugegen, er, von allen Göttern der Jungfrau am ähnlichsten. – Wenn ihr Mut genug habt, ihm ins Auge zu schauen, so wagt es, und seht den mächtigen Jupiter an, den Vater der Geschicke, und die hochedle Juno, die auch in guter Laune ein weniges von Eifersucht bemerken lässt. – Hütet euch, es mit dieser Beschützerin der Ehe zu verderben, denn auch den Zeus bezwingt sie endlich. Wer ist stark genug, dem Schmollen zu widerstehn? – Beschütze du mich Regent, mein Auserwählter, der Widerschein des Hohen, des Übermenschlichen, dass keine neidische, dich liebende Gotteit uns jemals entzweit."

Als es Abend war, trennte man sich und die Mädchen geleiteten die Braut zur kammer, um sie zu entkleiden. Als Bracciano durch hülfe seines alten Kammerdieners die Hülle von sich warf, sagte der Herzog: "Was fehlt dir, alter Freund, dass ich dich so bewegt sehen muss? Hat jemand dir etwas Leides zugefügt?"

"O nein, erlauchter Herr", sagte der Alte; "im Gegenteil, ich freue mich Eures hohen Glückes. O mein gnädiger Fürst, es ist ja eine Göttin, die Ihr heimgeführt habt, mehr als Armida, oder Helena. Wohl mir, dass es mir vor meinem tod noch vergönnt war, eine solche Schönheit mit meinem schwachen Auge zu erblicken; und beseligt ich! dass sie Euch gehört, Euch die Gattin, mir die Gebieterin! Welcher Fürst, welcher Sterbliche kann sich rühmen, je der Gemahl einer Himmlischen gewesen zu sein? ja, Venus soll mehr wie einen Erdgebornen beglückt habenaber hier, Venus, Juno, Minerva und Diana in ein Wesen verschmolzen: und dieser Ernst, Tiefsinn und diese Schalkheit und kindliche Plauderei, und dies Necken, Witz und grosse Gesinnung."

"Höre auf, alter Freund", sagte Bracciano lachend, "du fängst an zu schwärmen, und du wirst mich eifersüchtig machen."

"Es ist zuviel für einen Menschen", beschloss der Alte, "alles dies in seine arme zu fassen, und es sein Eigentum zu nennen."

Die Mädchen, als sie nach haus gingen, schwatzten untereinander auf ähnliche Weise. Die eine sagte weinend: "Ich habe mich für hübsch gehalten, man hat mich selbst schön genanntwie erbärmlich, schlecht, matt und leblos dieser gegenüber. Wenn er nicht treu ihr bleibt, verdient er des schimpflichsten Todes zu sterben."

Als Bracciano sich der Tür der kammer näherte, sagte er zu sich: wer bin ich, dass die Unsterblichen mir diese Wonne haben auferblühen lassen? Mit heiligem Schauer nur, mit erhabener Furcht, mit wollüstigem Zagen kann ich euch danken. Das ist meines Lebens wichtigster Moment. Und hätte ich nur für diesen einen Augenblick gelebt, so wäre mein Leben ein reiches gewesen.

Fünftes Kapitel

Nach vielfältigen Verhandlungen, Widersprüchen, Annäherungen, und in Ausübung jener Künste, welche immerdar die geschichte der Konklaven, wenn sie umständlich und wahrhaft erzählt sein konnten, so lehrreich machen ward endlich der Kardinal Montalto zum Papst gewählt, weicher den Namen Sixtus des Fünften annahm.

Viele hatten ihre stimme für ihn gegeben, weil sie ihn für so schwach und unbedeutend hielten, dass sie glaubten, in seiner Stelle und seinem Namen regieren zu können. Einige gaben in der Überzeugung nach, er sei so alt und krank, dass er unmöglich lange leben könne, und dass also der Stuhl bald wieder erledigt sei, und ihnen eine neue Hoffnung aufgehn würde. Viele waren für ihn, um nur dem klugen, ehrgeizigen Farnese entgegenzustreben, und so geschah endlich, was der Medicäer vom Anbeginn gewollt hatte, dass Montalto die höchste geistliche Würde der Christenheit erhielt.

Es hatte dem Greise auch die Hochachtung bei der Wahl geholfen, die er sich durch seine ruhige Fassung beim tod seines Neffen Peretti erworben hatte. Und so sah denn Montalto den ehrgeizigen Wundertraum seiner Kindheit erfüllt, dass er zum teil durch seine Klugheit und Beharrlichkeit auf dem Trone sass, vor welchem alle zu seinen Füssen knieen mussten.

Aber wie erschrak das Kollegium, als sie statt eines schwachen, kranken, zaghaften Greises nun plötzlich einen rüstigen, starken, gebietenden Kirchenfürsten vor sich sahn, der gleich in den ersten Augenblicken deutlich zeigte, dass er zu befehlen wisse, und Kraft besitze, seine Gebote geltend