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, um ihm nur die Bahn des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen: wie sie sich seiner Fortschritte, seines Gedeihens gefreut, wie er ihr Stolz gewesen, wie sie auf ihn ihr irdisches Glück und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen. Welche Wonne es der Mutter gewesen, wenn sie ihn durch ein Geschenk, zuweilen ein kostbares, habe überraschen und erfreuen können, an seinem Namenstage, dann, als er die Priesterweihe erhalten, welches Entzücken in ihrem Auge glänzte, als er nun Abt geworden. – Und er! – Wie Stolz, Hochmut und Härte ihn früh dem mütterlichen haus abgewandt, wie er immerdar ihre Sorgfalt und Liebe verkannt habe. – "O ja!" rief er, indem er innigst bewegt die hände rang: "– ja, wir Kinder sind Ungeheuer: statt der Liebe und Verehrung saugen wir Undank, Verschmähung aus der Brust und dem Herzen unserer Mutter. O wieviel Verworfenheit nistet in unserem Gemüt; – ach! und dem Mann dort, ja dem Himmel da oben war ich eben noch in Rührung dankbar für den Schluck kühlen Wassers, den mir der Fremde gönnen wollteund ihr, dieser hochherzigen Mutter, die ganz Liebe, deren Leben ununterbrochene Aufopferung für die Kinder warwie haben wir ihr gelohnt! Und ich der Verruchteste, schlimmer als Marcello! ich! – Ja, jetzt, da es zu spät ist, möchte ich zu ihren Füssen hinsinken, und mich auflösen in reumütigen Tränen. – Und siekönnte sie sich jetzt unter dieser grünen Decke ihres Bettes erhebendurch einen blick, ein Wort, eine Träne wäre sie mir versöhnt, ganz nur Liebe und Mutter wiederja sie würde alle Schmerzen, die sie meinetalb erduldet, für Gewinn, für Freude achten, wenn meine Liebe ihr, wie ein Gefühl meiner frühen unschuldigen Kindheit, wiederkehrte. – Und er, den wir stammelnd Gott nennendas Liebeherz aller Weltener sollte sich weniger des reuenden Sünders erbarmen?" –

Er hatte sich auf das Grab hingeworfen, und konnte sich in Tränen nicht ersättigen. Aber ihm ward wohl. Die starre, eherne Schale, die wie ein Panzer sein Herz umschlossen hatte, zersprang und brach, und alles Harte in ihm löste sich schmelzend in diesem Erguss der Tränenfülle. Er hatte in diesen grossen Momenten die Welt und sich völlig überwunden. –

Der Priester glaubte schon, weil Ottavio sich nicht wieder erhob, er sei zur Leiche geworden. Als er sich näherte, schaute ihm vom Grabhügel ein verklärtes Angesicht entgegen, eine Begeisterung des Schmerzes leuchtete in allen Zügen, und so wie die Zeichen der Krankheit verschwunden waren, glänzte das Antlitz, wie das eines selig Sterbenden, der schon im toten Ohr die stimme der Engel vernimmt. Vinzenz, erschüttert, war im Begriff niederzuknien, und um den Segen des zu bitten, der ihm ehemals so feindlich gegenüberstand. –

"Könnt Ihr mich", sagte der Bischof, "für die wenigen Stunden oder Tage, die ich noch zu leben habe, in Eurem haus aufnehmen, wollt Ihr meine beichte hören und mich als geistlichen Vater zu meiner irdischen Auflösung vorbereiten?" –

Vinzenz weinte und küsste ihm die Hand – "Soll ich nicht zur Stadt senden", sagte er, "soll nicht einer der Grossen zu Euch kommen? Wollt Ihr Euch nicht selbst nach Rom begeben?"

"Nichts von all dem", sagte Ottavio sanft lächelnd, und fasste den Alten unter dem Arm, um sich von ihm führen zu lassen. So schritten sie langsam nach dem kleinen haus.

In seinen letzten Stunden behandelte der Bischof den Priester als seinen rettenden Engel und liebenden Vater. Er ergoss ihm sein ganzes Herz, beichtete ihm alle seine Verirrungen, Fehler und Sünden, empfing von ihm Absolution und die Sakramente. Der demütige Priester drückte ihm die Augen zu, und beerdigte ihn dann dicht neben seiner Mutter, wie Ottavio es gewünscht hatte.

Alles, was er bei sich trug, Gold, Juwelen und Kostbarkeiten, alle seine Habe in Rom vermachte er in seinem Testament Vinzenz, dem Freund seiner letzten Stunden. Dieser ward durch dies Erbe wohlhabend und konnte dadurch sein bekümmertes Alter aufheitern und sich und andern Armen eine bessere Pflege zukommen lassen. Er selbst legte aber auch das Harte und Schroffe seines Charakters ab, und seine Liebe, die sich unter einem fast wilden Äussern verborgen hatte, zeigte sich nun weich und offen als christliche Liebe. –

Indessen war in Rom der Papst Gregor in diesen Tagen gestorben. Die Kardinäle vereinigten sich zum Konklave, und alles war in der höchsten Spannung, wer an seine Stelle treten würde. Viele jubelten über den Tod Gregors, weil sie seine Schwäche und Unentschlossenheit für die Ursache aller jener Leiden hielten, die den Staat während seiner Regierung bedrückt hatten. Andre, die seine Liebe und Wohltätigkeit erfahren hatten, beklagten das Hinscheiden des menschenfreundlichen Fürsten.

Sowie der Tod des Papstes bekanntgemacht war, fuhr der Herzog Bracciano, der auf diesen Fall schon alles vorbereitet hatte, in allem Prunk seines Standes, und von Grafen, Baronen und Edelleuten, die von ihm abhängig waren, sowie mit einer grossen Schar von Dienern, die Vornehmen in kostbaren Kleidern, die Geringeren in schimmernden Gewändern, vor das Kastell. In dieser wichtigen, kritischen Zeit konnte es der Gouverneur nicht wagen, ihm und seinem Gefolge den Einzug zu verweigern.

Buoncompagno war in Verwirrung, als der grosse Mann mit dem Anstande eines