grauen Scheitel zurecht, indem sie die Masse der verwirrten Haare über den rücken warf – "meine Tochter? elender Sklave! wie wagst du es, diese nur zu nennen? Sie ist die weltberühmte Kaiserin Semiramis, und sitzt da droben unter goldenem Baldachin, hoch, hoch in ihren schwebenden Gärten, und sinnt, so wie sie die Elfenbeinhand an die glänzend weisse Stirn legt, und sich mit der andern auf den goldenen Szepter stützt, auf neue Weltwunder. O solch himmlisches Bild von Schönheit, Würde und Majestät ist noch niemals auf Erden gesehen worden, und Raffael, der grosse Maler, hat vorgestern bei unserm Pluto um die Erlaubnis nachgesucht, dass er aus seinem grab kommen und die Himmlische malen dürfe."
"Lasst die Dummheiten, liebe, unglückselige Frau Julia", sagte der Priester, dessen Sinne halb verwirrt waren: "der Himmel hat Euch heimgesucht, fügt Euch seinem Willen in gelinder Demut, und er wird Euch Euern Verstand, der recht ansehnlich war, wiedergeben."
"Meine Königreiche soll er mir zurückgeben!" rief sie mit Ungestüm: "– aber still – schon hat mein David, mein Sohn den Riesen überwunden – nun geht er, der gesalbte König, mit seiner tapfern Schar und streift durch das Gebirge – sie bewirten, sie fürchten ihn – der Herr hat ihn gesalbt durch Samuel seinen Hohepriester – er wird den Saul überwinden, und dann wird David vor allem volk gekrönt. Dann führt er die Mutter, die Unbekannte, Verschleierte, zu seinem Tron, und alle Völker beten sie an, die Unsterbliche, die solche Kinder zur Welt gebracht hat."
"Was die Gottlose für Reden führt!" rief Vinzenz unwillig aus: "versündigt Euch nicht an der Schrift und dem heiligen Wort. Der verruchte Marcello soll wie David sein, der königliche Prophet? der Auserwählte des Herrn? Wo steht das geschrieben? Banditen und Mörder sind keine Heilige: mit Blut, nicht vom Samuel sind sie mit dem heiligen Öl gesalbt und getauft."
"Was?" rief sie, sprang auf, und ergriff den Erschrockenen heftig bei der Hand: "seid Ihr ein Levit und versteht die gesetz und Prophezeiungen so ganz und gar nicht? Habt Ihr vom Daniel gelesen, der ein Liebling des Königs war? seht, Einfältiger, das ist mein Sohn Flaminio, er mit dem flammenden römischen Geist, jetzt Geheimschreiber bei dem grossen Tyrannen Holofernes. Und der fromme Bischof, mein Sohn, der grosse Kirchenpfeiler, beredter wie Chrysostomus, gelehrter wie Origines, heiliger als Augustin; er wird morgen zum Papst erwählt vom Heiligen Geist."
"Nun, das fehlte uns gerade noch", sagte Vinzenz murrend. "Sündiges Weib!" rief er, "haltet inne, ist es nicht genug, dass Ihr selber rasend seid, müsst Ihr mich auch noch toll machen?"
"Gelinde, Männchen", erwiderte sie mit jenem furchtbaren Lächeln der Wahnwitzigen, und streichelte ihn unter dem Kinn: "– sprecht nicht so mit der berühmten Cornelia – wisst Ihr? Mein Sohn, der Cajus Gracchus ist viel ungestümer, als jener ältere, der Tiberius, er lässt Euch sogleich hinrichten, wenn ich Euch bei ihm verklage. Dann werdet Ihr vom Tarpejischen Felsen, gleich hier nahebei, in den Wasserstrom hinuntergeworfen. Das haben wir hier recht bequem. – Ach!" schrie sie – und sprang plötzlich auf und rannte heulend durch das Gemach; alle Stühle und Sessel packte sie an – "hülfe! hülfe!" rief sie – "sie versinkt, meine Tochter! mein Kind! der Mörder, der verruchte, der schändliche Camillo hat sie hineingestürzt!"
"Warum nicht gar!" schrie ihr der Geistliche entgegen; – "nehmt Vernunft an, kurioses, altes Weib, oder jeder Mensch muss Euch für toll halten, wenn Ihr so alberne Dinge sprecht!"
"Nun, so lass uns tanzen, Schatz!" sagte sie, "wenn es denn wirklich nicht so böse gemeint ist." – Sie sprang auf, und fiel gleich wieder in den Sessel. "Nein", sagte sie matt, "mein Gebein ist zu schwach geworden, der Gram hat mich ausgehöhlt. Ich kann auch nicht mehr singen. Wisst Ihr meine schönen Verse? Ja, mein Befreites Jerusalem haben sie nun auch herausgegeben und mich obenein in den Narrenturm gesperrt: Ihr seht es, mit den Verrückten, wovon Ihr einer seid, muss ich nun sprechen und poetische Akademien halten. Nun improvisiert gleich über ein Tema, das ich Euch geben will."
"Das ginge mir ab", sagte Vinzenz: "ich verrückt und die da klug."
"Wie Asträa die Welt so ganz und gar verlassen hat!" fuhr die Alte fort. "O über den Greuel, die Schandtat, die sich seitdem entwickelt. Wie die Unschuld nun unterdrückt wird, wie der arme blutet, das Gesetz den Gerechten zerschneidet und Bosheit und Frevel in Purpur gekleidet geht. Den Farnese wollen sie zum Papst machen, dann wird Luigi Governador von Rom und alle die Meinigen sind dem Untergang geweiht! Betet, dass Christus und Maria uns die Asträa wiederschicken."
"Einen Funken Verstand sollten sie an Euch wenden", sagte jener: "aber sie denken vielleicht, das wäre doch nur ein weggeworfnes Gut."
Als er sah, dass die Kranke sich etwas beruhigt hatte, war es ihm auch möglich