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zurück, dass das Haupt über den kleinen Wagen hing. "Dein Vater", schrie Orsini, "ist der Schurke, der den verruchten Rat gegeben hat, den Adel von niederträchtigen Häschern ermorden zu lassen: nimm dies zum Lohn." – Sie entfernten sich, langsamen Schrittes, noch trotzig zum Palast hinaufdräuend. – Der Stallmeister führte bestürzt den Leichnam seines Herrn in den Palast des Papstes zurück.

Der Papst, als er die verruchte Tat sah, war einem seiner Cameriere, der hinter ihm stand, in die arme gestürzt. – Dieser Anblick hatte ihn zu plötzlich überrascht, und ihn mit Entsetzen erfüllt. So weit war es gediehen? So wenig hatte seine zu nachgiebige Milde auf diese verhärteten Herzen gewirkt?

Es war natürlich, dass diese Untat ganz Rom von neuem aufregte. Dieser Mord erschreckte selbst die Freunde Orsinis, viele seiner Partei fielen von ihm ab, und schalten mit lauter stimme und öffentlich diesen Frevel. Als Luigi dies gewahr ward, wie die Mehrzahl der Empörer sich von ihm wendete, konnte er selber sein Schicksal sich voraussagen. Dies entmutigte ihn aber nicht, sondern er lachte laut und rief den Braven, die ihm treu geblieben waren, zu: "Nun beginne ich also ein Leben, das ich mir eigentlich seit lange gewünscht habe. Wie Piccolomini, wie Sciarra führe ich nun offenen Krieg mit meinem vaterland. Man wird mir meine Häuser und Güter nehmen, man wird den Bann über mich sprechen und mein Todesurteil, wenn ich mich wieder im römischen Gebiet betreffen lasse. Immerhin! meine Gattin sende ich nach Venedig und folge ihr künftig vielleicht nach. Bis dahin sind wir freie Männer in Wald und Gebirge, quartieren uns ein, ohne anzufragen: die Reben des Weinbergs, das wild der Jäger, die Weiber in den Kastellen, alles ist unser, und Schwert, Dolch und Feuer unsre Brüder!" –

So verliess er mit so viel Geld und Juwelen, als er eilig zusammenraffen konnte, die Stadt. – Als der Papst sich wieder erholt, und die Regenten des Staates berufen hatte, ward beschlossen, dass Luigi Orsini als Meuter, Rebell und Meuchelmörder auf ewige Zeit aus dem Gebiet des Römischen Staates und aller Provinzen verbannt sein sollte; ein Preis ward ausserdem auf seinen Kopf gesetzt, und ein grosser Lohn dem verheissen, der ihn tot oder lebendig herbeischaffen würde. – Man rechnete hierbei auf die Banditen und seine Raubgesellen selbst.

Als Vittoria die Mordtat erfuhr, war sie kaum verwundert und nicht erschrocken, weil ihr voraussehender Geist ihr dieses Ende gesagt hatte. Sie weinte mit dem Gouverneur, der plötzlich ein trostloses Geschick auf sich hereinbrechen sah.

Drittes Kapitel

Mit allen seinen Gesellen, Vornehmen und Geringen, begab sich der Graf Luigi Orsini in die freie Landschaft, um dem staat, dem er sich empört hatte, so vielen Schaden zuzufügen, als in seiner Gewalt stand. Man vernahm bald die Klagen über Beschädigungen, die er an den Städten und Landbewohnern ausübte. Auch rüstete er ein Schiff aus, um die See zu beunruhigen und die Fahrzeuge, welche nach Rom segelten, aufzufangen. Auch warb er neue Banden, und verstärkte sich durch Galeerensklaven, die teils ihre Strafzeit überstanden, teils sich empört und mit Gewalt befreit hatten.

Der nächste nach Luigi im Kommondo der Banden war der Graf Pignatello, der grausame Mörder des Vitelli, sowie der Graf Ubaldi aus Arezzo, ebenfalls ein verwegner Mensch, der auf unwürdige Art sein Vermögen verschwendet hatte und jetzt in Verzweiflung und leichtsinniger Frechheit keine Rücksicht der Menschlichkeit mehr anerkannte.

Ein besserer Mensch war durch Verarmung und traurige Schicksale in die Gesellschaft dieser Verworfenen geraten, der Graf Francesco Montomellino. Er war von mittleren Jahren, wohlgebaut, stark und sein Wesen hatte den Ausdruck eines edlen Mannes. Auch ihn hatte Unglück und Verzweiflung, aber nicht Bosheit diesen Banden und einem Luigi zugeführt. Es war eine von den Erscheinungen in der menschlichen natur, welche öfter wiederkehrt, dass Orsini sich mit Vertrauen, ja Liebe, an diesen besseren Mann anschloss, der ihm so unähnlich war, den er mehr achten musste, als sich selber: Graf Montomellino war ihm bald so unentbehrlich, dass er keine Stunde ohne ihn leben konnte und er in dessen Gesellschaft sogar seine Gattin und alle früheren Freunde, die ihm nicht gefolgt waren, vergass.

Unter den Galeerensklaven hatte sich auch jener junge Camillo Mattei, der Neffe des alten Priesters Vinzenz in Tivoli, eingefunden. Er wagte es nicht, nachdem er seine Strafzeit überstanden, nach Rom zu seinen Eltern zurückzukehren, da ihn Schande und Schmach bedeckte, und er nicht hoffen konnte, auf irgendeine Weise in seine frühere Stellung zurückzukehren. Ein glühender Hass gegen die Familie Accoromboni war in ihm entbrannt, so wie gegen alle Vornehmen, und da er wusste, wie sehr die stolze Vittoria den Luigi Orsini verabscheute, so hatte er sich diesem und seinen Freibeutern am liebsten angeschlossen.

Von Marcello hatte man nur wenig erfahren können. Das Gerücht sagte, dass er sich beim Heere des Piccolomini befinde welches bald in den florentinischen, bald in den neapolitanischen Staaten umstreifte und oft wieder die Grenzen des römischen Gebietes beunruhigte.

Als Flaminio sich in Rom wieder nach seiner Mutter umsah, um ihr hülfe zu bringen, war sie ohne Spur verschwunden, und jede Forschung und Nachfrage vergeblich. In der Verwirrung ihres Geistes hatte sich die unglückselige Matrone scheu und tief bekümmert von allen Menschen zurückgezogen. Sie zürnte sich und aller Welt, den Menschen wie dem Himmel,