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wonach ich gar nicht so hungrig bin, wenn ich nur weiss, dass alles noch beim alten ist, und dass Du gesund bist. – Weisst Du mir nichts zu schreiben, so such mir aus meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen, ich hab noch allerlei Nachgedanken berauschender Quellen der natur hervorströmen, und mir deucht, ich sollte sie auch noch zu schöpfen versuchen. –

Bei der Grossmama ist ewiger Besuch, heute spazierte man zu siebzehn Fürstlichkeiten im Garten auf und ab, die Grossmama zum Bewundern, in Anmut und Würde alle überstrahlend, Isenburg, Reuss, Erbach und etliche hessische Durchlauchten und nebenbei noch der Herzog von Gota, der schon längere Zeit täglich Brot ist im Haus, nämlich alle Mittag um drei Uhr kommt er herausgefahren und lässt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale, dann geht er in den Garten, wo er Bohnen gepflanzt hat, die muss ich ihm begiessen helfen. Die Grossmama spricht von seinem Genie, mir gefällt, dass er mit mir umgeht wie mit einem Kind, er nennt mich Du! Frägt mich nie nach was anderm, als was ich mit Ja oder Nein beantworten kann, weiter hab ich ihm nichts gesagt bis jetztim Garten lässt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen, und er trägt die Giesskanne, letzt war er so matt, dass er sie hinstellen musste, ich sagte, er solle den Parapluie tragen, ich wolle die Giesskanne nehmen, er meinte, die sei wohl zu schwer für mich, als er aber sah, dass ich sie mit ausgestrecktem Arm weitab durch die Luft trug, um mein Kleid nicht nass zu machen, so nennt er mich seitdem die starke Magd. – Seine roten Haare, die einen verzweiflungsvollen Schwung haben wie ein schweres Ährenfeld, das der Hagel verwüstet hat, und sein blasses Angesicht geben ihm in der Abenddämmerung das Ansehen von einem Geist; ich hab mich vor ihm gefürchtet, wie er mich abends durchs Boskett begleitete. Die Grossmama hatte alle Fürstlichkeiten an der Wagentüre begrüsst und dagegen protestiert, dass sie unter das Dach ihrer Grillenhütte kommen, sie wollten aber absolut in die Grillenhütte herein, und so ward diese bald zu eng. – Im Garten machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich; denn er panscht gern, ich musste dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube, da er mich nun immer starke Magd nannte, so passierte ich bei der hohen Gesellschaft für ein so seltnes Monstrum; zuletzt sagte er noch: "Geh an unsern Bohnenstangen und sorge, dass die breitfüssigen und krummbeinigen Spaziergänger sie nicht umtreten!" Ich holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld, wo ich nicht mehr bemerkt wurde, es war mir eine Labung; denn ich war betäubt und müde, alles kann ich ertragen, nur nicht das Brausen der Menschenreden, die kein Feuer, keinen Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts anregen; besser wär's, schweigen. Bis das Ton wird, was unendlichen Vorteil bringen mag, da kann noch viel wasser dem Main hinunterfliessen. Am Abend ging alles ins Boskett, die Musik zu hören, es war mit bunten Lampen erleuchtet, die Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schönsten Flor, ach, ich war so müde und betäubtwas ich geträumt habe weiss ich nicht mehr, es war schön; denn ich wachte auf, wie trunken von Behagen, aber doch so schwindlig, dass sich die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus führen liess, er fuhr in die Stadt, er rief mir noch aus dem Wagen zu: "Leg dich zu Bett, starke Magd, du siehst ganz blass aus!" –

17ten

St. Clair war heute hier, zwischen zehn und ein Uhr, laubnis fragen lassen auszuschlafen, weil mich am Abend der Duft der Orangerie ganz betäubt hatte, er wartete auf mich hinter der Pappelwand. – Es gibt Weh, darüber muss man verstummen; die Seele möchte sich mit begraben, um es nicht mehr empfinden zu müssen, dass solcher Jammer sich über einem haupt sammeln könne, und wie konnte es auch? – O ich frage! und da ist die Antwort: weil keine heilende Liebe mehr da ist, die Erlösung könnte gewähren. Oh, werden wir's endlich inne werden, dass alle Jammergeschicke unser eigenes Geschick sind? – Dass alle von der Liebe geheilt müssen werden, um uns selber zu heilen. Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst, nicht der erstarrten Sinne; dass das Krankheit ist, das fühlen wir nichtund dass wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener, dessen Geistesflamme seinem Vaterland aufleuchten solltedass die erlöschen muss im trüben Regenbach zusammengelaufner Alltäglichkeit, der langweilig dahinsikkert. – Hat doch die natur allem den Geist der Heilung eingeboren, aber wir sind so verstandlos, dass selbst der harte Stein für uns ihn in sich entbinden lässt, aber wir nichtnein, wir können nicht heilen, wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns entbinden, und das ist unser Wahnsinn. Gewiss ist mir doch bei diesem Hölderlin, als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja