heute im Schlaf gedacht, ich bin doch recht glücklich, alles was ich Dir gestern aufgeschrieben hab, das war in meinem Buch mit folgenden ledernen Gedanken bezeichnet:
Alle Form ist Buchstabe, wisse die Formen zu
sammenzusetzen, so hast du das Wort (Kuss),
und durch dieses den Sinn (Gedanken) liebes
nahrung des Geistes. –
Nein, daraus würde wohl keiner klug werden! – und auch keiner sich drum kümmern, so ein Gedanke, den man aufbewahrt, ist wie eine gedürrte Pflaume, ganz verhutzelt und verkohlt. Nein, es ist eine Unmöglichkeit, ein Buch zu machen aus dem, was mir durch den Kopf geht, es ist ungehobeltes Zeug, was sich sperrt, wenn's in Gedanken soll gefasst werden. – Und kein Mensch kann's brauchen, selbst der Clemens würde fürchten, dass ich übergeschnappt sei, von Dir erwart ich, dass Du mich ungestört anhörst, es ist doch eindanken zu konzentrieren (auf etwas fest richten soll das, glaube ich, heissen), das ist aber grad, was nie geschehen wird; denn ich selbst kann's nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde Geduld, so wirst du gewiss Herr über alles, was du lernen magst. – Aber wenn ich das denke, so schaudert's mich, als ob ich gesündigt hätt mit dem Gedanken. Gestern nahm mich die Grossmama ins Gebet über meine vermöglichen Fähigkeiten, sie sagt, wer den Most nicht fassen kann in Gefässe, der kann ihn nicht bewahren, da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich so gross an, da versprach ich ihr alles, da sagte sie: "Lern doch Latein," und ich versprach's ihr, aber gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld, dass sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und wie sie sah, dass meine Wangen so brennten, da sagt sie: "Geh hinaus, lieb's Mädele, in die Luft, und morgen wollen wir weiter sprechen." – Gleich klettert ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Akazienzweig und kletterte hinüber auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten, dass ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.
Bettine
An die Bettine
Ich habe Deine Briefe erhalten, die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich muss mich kalt machen, dass Dein Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir nachzuempfinden, und meine Mühe ist nicht ganz umsonst – doch staun ich, wie gewaltig Dich alles ergreift, und dass dies alles nicht Deine Gesundheit aufreibt; denn wie mir einleuchtet, so kannst Du unmöglich viel schlafen? – Und dabei dies unruhige Leben, wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt – ich glaube selber, dass Du einen Dämon hast, der Dich wieder stärkt, wie könntest Du sonst alles fassen? – Und Dein Herz, ist es nicht voll zum Überlaufen, der Gärtner, der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch – und Deine frühen Wanderungen im Boskett, Du schläfst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern können – ich selbst fühl mich hier anders wie sonst. – Die Zukunft leuchtet mir nicht helle, und ich hab so grosse Lust nicht mehr am Lebendigen, an der Märchenwelt, die unsre Einbildung uns damals so üppig aufgehen liess, dass sie die Wirklichkeit verschlang, doch wird sich's ändern, gewiss, wenn wir wieder zusammen sind, diesen Winter denke ich ernstlich mich zu überwinden, ich hab mir einen Plan gemacht zu einer Tragödie, die hohen spartanischen Frauen studiere ich jetzt. Wenn ich nicht heldenmütig sein kann und immer krank bin an Zagen und Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfüllen und meinen Geist mit jener Lebenskraft nähren, die jetzt mir so schmerzhaft oft mangelt und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt. – Doch fürchte nichts für mich, es sind nur Minuten, wo mich's überfällt wie starker Frost, doch Deinen frühlingsheissen Briefen widersteht er nicht. – heute und gestern war ein Grünen und Blühen in mir – und ich lese sie gern wieder, dann bin ich immer wieder glücklicher gestimmt, ich danke Dir dafür. – Auch von Clemens sagst Du mir, was mich freute. – Lebe wohl! – Dein Naturbrief besonders hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vögel, die sich noch im Nest der Ätzung freuen – die die Mutter in Fülle ihnen gibt, sind sie erst flügge, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfliegen, von der natur gegründet für den Geist, der sie als göttlich zu fassen vermag, aber sie werden wohl nimmer im Buchstaben können gefasst werden, zum wenigsten nicht in unserm Jahrhundert. –
Ist denn das alles von Gedanken, was Du in Dein Buch aufgeschrieben, o verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder, lese sie, wie man Gedichte liest, ohne zu grossen Affekt. denke, dass der Reim auch die Stimmung leitet, und glaube nicht gleich, ich sei zu traurig. – Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben; nach und nach verharscht es, und aus der Wunde, deren Blut den Seelenboden tränkte, hat der Geist schöne rote Blumen gezogen, die wieder einen Tag blühen, an dem es süss ist, der