Geist zu wecken in sich, noch zu bezwingen, da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl, hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann überkommt sie eine Angst, und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet, bis der Schlaf obendrauf sich einstellt, und dann ist der Tag und die Nacht herum; und dafür hätte man gelebt? – Nein, das ist nimmermehr wahr! – der Gedanke hat mich schon lang verfolgt: "Warum lebst du doch?" – besonders eben, wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging – im Wald auf der Homburger Chaussee, da stand ich als still und fragte mich das, da hörte ich diese traurige Stille der natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr, da fühlt ich deutlich, dass ich nicht bis zu ihr drang; da dachte ich, wenn's nicht eine lebendige nähere Beziehung gäb zu ihr, so würdest du das nicht so deutlich empfinden, du fühlst ja ordentlich in deiner Seele, wie sie traurig ist, also geht sie doch lebendig an dich heran, und du fühlst, dass sie einen Geist hat, der ihr allein angehört, und der sich mitteilen will, da fasst ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen, da wusst ich nicht, sollt ich laut mit ihr sprechen wie mit den Menschen; denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr sprechen, das war mir nicht deutlich, obschon gewiss ich es unbewusst im Kloster getan; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. – Ich dachte an einem Sonntagmorgen, als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche zurückkamen, heute wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen und wollt da mit ihr sprechen ganz laut, wie man mit den Menschen spricht, und es war mir ganz schauerlich, als ich aus einem grossen Garten, wo wir zusammen mit andern waren, herausschlich und längs der Chaussee am Wald ging, dann den Bach verfolgte, der mir entgegengerauscht kam, und so kam ich an eine Stelle, wo Felssteine liegen, und der Bach teilt sich und muss Umwege machen und schäumt und braust, da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen, das lautete mir, als wär's von einem Kind, da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind. "Du! – Liebchen – was fehlt Dir?" – und als ich's ausgesagt hatte, da befiel mich ein Schauer, und ich war beschämt, wie wenn ich einen angeredet hätte, der weit über mir stehe, und da legt ich mich plötzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras, und im Anfang war ich ganz betäubt, dass ich gar nicht wusste, warum ich dahergekommen war, aber nach und nach besann ich mich, und nun, wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal zärtlich. Ach! Ich sag Dir – tausend süsse Dinge drängten sich aus meinem Seelenmund, ein Begehren, sie zu lieben, ich weiss nicht, wie's nachher gewesen ist, ich konnte ungern vom Platz aufstehen, aber da ward mir so heiss auf dem Kopf, und wie ich ihn aufhob, schien die Sonne so kräftig, und nichts war mehr düster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele, als hab ich ein neu Leben empfangen, und die Wellen im Bach, die über die Steine sich teilten, schienen mir voller zu rieseln und lauter, und ich musste alles so tief ansehen, und da lernt ich gleich ihre Formen fassen, ich sah sie viel kräftiger an, und ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre Äste noch bis am Erdboden hängen hatten, und guckte die feinen Nadeln an, wie sie so gleichmässig gereiht waren, und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen. Da dachte ich, ist doch kein Gedanke so kräftig und so wahr wie dieser Baum, und ich hab noch nichts gehört von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon seine Knospe der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin; denn alles was lebendig ist, das muss die ganze Zukunft in sich tragen, sonst ist es nichts, und alles Tun der Menschen muss so sein, sonst ist's Sünde, und da dachte ich, wie ist es möglich, dass jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse? Aber da wusst ich's gleich, nämlich jede Handlung muss den höchsten Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. O, ich wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab ich in jenem ersten Moment gelernt von der natur, wie ich das machen soll, und glaube nur, ich würde nie fehlgehen, im Anfang würde es viel Staub setzen, wenn ich gegen das alte Gemäuer anrennen liess, wenn aber erst die Staubwolken sich gelegt hätten, dann um so schönerer hellerer Himmel. – Aber als ich am Boden lag, da mischten sich auch meine Tränen mit dem Erdreich, aber der Nacken tut mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben, und ich wollt Dir doch noch so viel sagen! – Es ist schon Morgen, die Sonn kommt schon, gute Nacht!
Montag
Ich hab