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ihr nicht lieber zuhören? – Ja, Du meinst, davon denkt man ja, dass man ihr zuhört, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich der natur lausche, Zuhören will ich's nicht nennen; denn es ist mehr, als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. – Siehst Du, da fühl ich alles, was in ihr vorgeht, ich fühl den Saft, der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lauschund dannda empfind ichich denke aber nicht grad oder doch nicht, dass ich's wüsst, aber wart nur einmal, wie's weiter geht. – Alles, was ich ansehja, das empfind ich plötzlich ganzgrad, als wär ich die natur selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fühl ich verschieden. – sehe ich den grossen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte beinah schon abgeblüht, jetzt ist ein Nachschuss da, das betracht ich alles, das dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich's Sprach nennen? – Mit was berührt man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel berührt, wie der Kuss den Menschen berührt? – Vielleicht doch, nun, so ist das, was ich in der natur erfahr, gewiss Sprache; denn sie küsst meinen Geist, – jetzt weiss ich auch, was Küssen ist; denn sonst wär's nichts, wenn's das nicht wär', jetzt geb acht:

Küssen ist, die Form und den Geist der Form in

uns aufnehmen, die wir berühren, das ist der

Kuss, ja, die Form wird in uns geboren.

Und darum ist die Sprache auch Küssen, es küsst uns jedes Wort im Gedicht, alles aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele berühren, und was will der Kuss anders, er will die Form in sich saugen und die Seele berühren, alles das ist eins, ich hab's von der natur gelernt, sie küsst mich beständig, ich mag gehen und stehen wo ich will, sie küsst mich, und ich bin auch schon so ganz dran gewöhnt, dass ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme; denn die Augen sind der Mund, den die natur küsst, siehst Du, so fühl ich auch, dass mich eine Knospe anders küsst als eine Blume; denn warum, sie sind verschieden in der Form, dies Küssen ist aber Sprechen, ich könnt sagen: "natur, dein Kuss spricht in meine Seele hinein" – ja, das ist auch ein Gedanke, den ich ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch weiteres anknüpfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir, das heisst küssen meine Seele, und alles spricht, alles, was ich anseh, hängt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der Sprache, nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze natur spricht in mich hinein, das heisst, sie küsst meine Seele, davon muss die Seele wachsen, es ist ihr Element; denn alles hat sein Element in der natur, was Leben hat. Der Seele ihr Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist Sprache der natur. Aber die natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese Seele will auch geküsst sein und genährt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache genährt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie in sich aufgenommen, nämlich Selbstsprache der natur, da erkennt sie die natur wieder als nahrungsbedürftig), so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder in sie hineingesprochen, ich hab sie geküsst mit meinen Seelenlippen. Sieh, das war Geist, der war nicht gedacht, der war ursprünglicher Lebensgeist ohne Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistesaber mein Geist hat diese Form nicht angenommen, als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht Gefühl oder Empfindung; denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Willeja Wille war's, der sah so rasch und fest die natur an, als wolle er ihr nun wieder schenken alles, was sie ihm gab, nämlich Leben. – Das ist's, alles ist ein Wechselwirken, alles, was lebt, gibt Leben und muss Leben empfangen. – Und glaube nur nicht, dass alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben nicht, das fühl ich an mir, ich lebe nur, wenn mein Geist mit der natur in dieser Wechselwirkung steht. – Da weiss ich