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andern Morgen ging die Tonie zum Tiroler und ich ging mit, um mir sein Antlitz einzuprägen, ich dachte, wenn man sich so was tief in die Seel schreibt, so blüht's am ende mit einem auf, und weil die Tonie Handschuh aussuchte, setzte sich ein Schmetterling, der vom Main herübergeflogen kam, auf den Strauss an seinem Hut. "Ach, guck den Schmetterling, den haben die Blumen an deinem Hut herbeigelockt!" – Der Tiroler fragte: "Was ist das für ein Ding, ein Schmetterling?" und sieht ihn fliegen und ruft: "Ei was, das ist ja ein Pfeilmuter und kein Schmetterling. Du bist ein Schmetterling!" und kriegt mich um den Hals und küsst mich auf den Mund. Die Tonie macht ein bös' Gesicht und kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort. "Na," ruft er ihr nach, "nehm' Sie's nit übel, das Mädel nimmt's ja auch nit übel auf", und die Tonie musst' lachen und die Handschuh kaufen. Die Geschicht wollt ich als immer aufschreiben, weil sie mir gefällt, aber zu einem Buch passt sie nicht, denn sie ist ja gleich aus, und was soll dann weiter passieren? – Der Clemens meint, ich soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, er denkt, es wär Markt da; er schreibt, ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben, aber nun les nur erst die dummen Gedanken, die in meinem Buch stehen, ob man da was Vernünftiges dran schreiben kann, und hab's noch dazu auf den Deckel inwendig geschrieben weil ich meint, ich wollt's recht voll schreiben, ja, hat sich was, ich bin schon über vier Wochen noch immer am Deckel. Da steht erstens obenan:

Ob Tugend nicht auch Genialität sein möchte, und ob wir vielleicht nur deswegen so mühselig hinanklettern zum Erhabenen, weil wir kein Genie haben.

Das war auf der Pappel, an der ich so bequem hinaufklettern kann, ich sah die Vögel geflogen kommen und dachte in mir, du hast kein Genie, du musst mühselig zu allem hinanklettern, und dann kannst du dich nicht oben erhalten, musst immer wieder hinunter. – Und da fühlt ich recht in mir, wie alles in mir schwankt, nichts erreichen kann, wie ein Feuer in mir braust, jede Kunst liegt in mir so nah, ich mein, ich hätte sie schon in mir, die Wangen glühen mir gleich so hoch, sie brennen mir, wenn ich nur in die Ferne denke, da liegen mir goldne Berge. Ich steh da, als hätt ich nur den Zauberstab in der Hand, alles inwendig im Geist, aber wenn's heraus soll, da bleib ich beim Buchdeckel und muss mühselig Sandkörnchen für Sandkörnchen zusammentragen. Wie ich von der Pappel herunter die Trepp herauf war und hatte meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben, der mich noch immer anlachteso wollt ich doch noch ein bisschen im Abendschein mich wiegen, denn beim Wiegen kommen mir Gedanken. Kaum war ich der halben Pappel hinaufgeklettert, so fiel mir schon wieder was ein, ich klettert also gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf:

Der ganze Mensch muss in sich einverstanden sein nämlich Herz und Kopf und Hand und Mund.

Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dachte, vor dem hätt ich immer auf der Pappel können sitzen bleiben, und es tat mir schon leid, dass ich das Buch mit bekleckst hatte, aber weil der Clemens gesagt hatte, ich soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, so wollt ich's durchsetzen. Jetzt gefällt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Grossem machen, wenn ich einen grossen Sinn hineinlege, und wenn ich alles, was ich so schreibe, ohne zu wissen warum, mit Gewalt wahr mache. – Ja, ich fühl, es hängt mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialität der Tugend, wenn der ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewiss, was die meisten nicht tun. Ach, nun kommt mir gar die Moral in Weg, lass mich nur lieber die Gedanken weiter abschreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch, dass ich sie nicht mehr sehe. – Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein, die nicht so steifstellig sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad, als kämen mir nur da oben Gedanken, aber kaum war ich droben, so musst ich auch schon wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor, so dass ich mit grossen Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam.

Den Geist nähren, das ist Religion.

Ja, wenn ich das könnt, dachte ich, wie ich wieder auf meiner Pappel sass und jetzt nicht mehr herunter wollt; denn es war so schön geworden der ganze Himmel, Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell im Purpur anschossen, was hab ich alles gesehen von Farben und von wogenden Wipfeln, die sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die natur so gütig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet hätt gehabt mit meinem Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor, wenn ich in der natur bin; könnt man