ich Dir nur gleich das Blatt herausreissen und da les' die Gedanken, die ich wie Hasen auf einer dürftigen Jagd hab zusammenschiessen müssen, und bin mit jedem einzelnen aus meinem Gedankenwäldchen nach Haus gelaufen, um ihn aufzuschreiben, und immer die drei Treppen hinauf. – Weisst Du was? – Die drei Treppen waren mir nicht zu hoch, aber ich hab mich geschämt vor den drei Treppen, wahrhaftig, ich hab die Augen zugedrückt, weil ich dachte, sie merken's, dass ich so eine kümmerliche natur hab und bring da die armen nackten Gedankenpfeilmuter an; so heissen im Tirol die Schmetterlinge, ich hab's vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tiroler, der im Braunfels Handschuh verkauft, der mit dem schönen schwarzen Bart, Du weisst, Du sagtest, der habe ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: "Was ist das, ein Antlitz?" – Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die natur nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen; und da hab ich Dich gefragt: "Hab ich ein Antlitz?" – Da hast Du gelacht und gesagt: "Es steckt noch zu tief in der Knospe, ich kann's nicht erkennen." Noch an jenem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet, Gott soll mich doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz und nicht mit einem Gesicht; denn wenn ich kein Antlitz hab, wie kann ich da einem Antlitz gefallen! Noch an jenem Abend fragte ich die Frau Hoch, weil Wartfrauen von Schönheitsmitteln manches wissen, sie meinte, wenn man keine Sünde tue, so könne man nicht unschön werden, und wenn es darauf ankomme, so werde ich gewiss mich vor allen Sünden hüten; wie aber die Frau Hoch drauss war, um den Kindchen die Suppe zu kochen, da kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein zusammen, wie sie wieder hereinkam, war's ganz still, es war dunkel und noch kein Licht angezündet, da meinte die Hoch, sie wär allein und wollte ihr Abendgebet hersagen, weil das Kindchen noch schlief. – "Jetzt geh ich ins ewige Leben, sprach er mit freudiger Seele, neigte das Haupt und erbleichte." Das hörte ich auf dem Blumenbrett vom Gebet der Frau Hoch. Ich dachte, ob es wohl unrecht sein möge, sie zu belauschen, und da fiel mir meine Antlitzknospe ein, ob die vom Meltau der Sünde hierdurch könne angegriffen werden, denn so gescheit war ich wohl, dass dies keine Kapitalsünde sei, aber weil ich absolut wollt wunderschön sein und ohne den geringsten Tadel, so hielt ich mir die Ohren mit beiden Händen zu, um nichts zu hören, da liess ich die Stange los vom Brett und wär schier in den Hof gefallen. Ich konnte mir die Ohren nicht versperren, wenn ich nicht fallen wollt, und da hört ich sie noch singen:
Wenn der goldne Morgen blinkt,
Der zu dieser Hochzeit winkt,
Wo die reinen Seraphinen
Bei der hohen Tafel dienen. –
Da sang ich die zweite stimme, die Hoch sieht sich in allen Ecken um, holt Licht, sucht oben auf dem Ofen, auf dem Vorhanggestell und überall und kann mich nicht finden. Ich pflückte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den Fensterrahm, den stiess ich auf und reicht ihr die Nelke. Da stand sie mit ihrem kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint, ich wär eine Erscheinung. Ich bin ihr aber um den Hals gefallen, denn ich hab die Frau sehr lieb. Ich fragte, ob's eine Sünde sei, dass ich ihr zugehört hab, sie sagte: "Das ist grad keine Sünde, aber Sie hätten können in den Hof fallen, und da wollen wir lieber ein Danklied singen, dass Sie nicht gefallen sind." – Hier hast Du das Lied, zu dem ich eine Melodie gemacht hab.
Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken,
Ach, reine mich von jedem leisen Flecken.
Reich mir der Schönheit Kleid,
Dass ich an jedem Morgen meiner Blüte
erkennen mag, wie deine Gnad sie hüte.
Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen,
Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen,
Das kränket mich nicht sehr.
Erleucht in mir nur deines Geistes Licht,
Dadurch der Schönheit Geist wird aufgericht.
Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen
kommen,
So mag dies meiner Schönheit dennoch frommen,
Das endet, wenn man stirbt.
Gib nur, o Gott, dass ich so Nacht wie Tag
Der Schönheit Ruhe mir erhalten mag.
Wenn du mich willst, o Schöpfer, einst geniessen,
Muss über mich der Born der Schönheit fliessen,
Wie wollt ich fröhlich sein! –
Sonst acht ich nichts, was Mut und Blut beliebt,
Noch was die Welt, noch was der Himmel gibt.
Die Hoch sagte: "Sie haben das Lied schön verketzert, kein Mensch wird's für ein Andachtslied erkennen." – "Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen, ist es eine Sünde, so wollen wir lieber ein Busslied singen, damit mir nicht gar noch ein Bart davon wächst." Die Hoch sagte: "Ach, gehen Sie doch, das wär Ihnen grad recht, wenn Ihnen ein Bart wüchse."
Am