erfahren hab, wie eine hölzerne Maschine auf mich gewirkt. So der ganze Religionsunterricht, der machte mich völlig dumm. – Zum Beispiel die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekämpfen, mit welchen grundsätzen sie bekämpfen? – Da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube alles wie ein Unsinn vor, und hätt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen, gar nicht zu denken, so wär ich ein Narr geworden. – Wie denn wirklich alle Menschen Narren sind, meine grosse Courage, dies zu glauben und ohne viel Sperenzien, sie auch danach zu respektieren, das hat mich freigemacht von der Narrheit. – Und wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philistertums herauskommen, als von frischem sich in die hände Gottes geben, der hat nicht umsonst den Menschen aus Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht, dass er wieder feucht wird, um ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben. – Woran erkennt man einen katolischen Christen? – Am Zeichen des heiligen Kreuzes! – Dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn was braucht doch der natürliche Mensch ein katolischer Christ zu sein und sich bekreuzigen? – Ist das der nächste Weg, Gott ähnlich zu werden? – Ist Gott ein katolischer Christ? – Oder ist er wie Du ein Ketzer? – Und warum machen wir doch das Kreuz, als bloss um wie die Hunde dem Ketzer die Zähne zu fletschen. – Als wir aus dem Kloster zurückgeholt wurden ins väterliche Haus, da liess uns die Frau Priorin vor sich kommen und schärfte uns ein, ja nicht den katolischen Glauben zu verlassen, wenn wir zu unsrer Grossmutter kommen, die eine luterische Dame sei, sondern wir sollten alles dranwenden, sie zu bekehren. Sie sagte das mit so viel Herzenswärme, ich hätte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich wusste nicht, was katolisch sei – ich half mir; alles, was nicht luterisch ist, das sei katolisch. Alles, was man lernen muss, hüllt den Verstand in eine Nebelkappe, dass die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles, was wir zu tun bewogen sind, ist Eselei. – Meinungen von geistreichen Männern zu hören, was der Grossmama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Grossmama. – "Du kannst doch nicht leugnen, liebes Kind, dass sie die Welt verstehen und dazu berufen sind, sie zu leiten?" sagte sie gestern. – "Nein, liebe Grossmama, mir scheint vielmehr, dass ich dazu berufen bin." "Geh, schlaf aus, Du bist e närrisch's Dingle."
Bei der Grossmama wird jetzt abends allerlei Politisches unter den Emigranten verhandelt, da wird die Umwälzung des grossen Weltkürbis von allen Seiten versucht, er deucht ihnen angefault. Ausser Choiseil, Ducailas, d'Allaris, die immer das Wort führen, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt, dieser letztere besonders schön von edler Haltung, ritterlich, ich könnt keinen Augenblick glauben, dass ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich immer zu mir, als ob er um meinen Beifall werbe – ai-je raison? Seine Reden machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon (Hessen-Rotenburg) und einer Prinzess Biron, die mittags auch die Grossmama besucht hatten, durch Frankfurt gekommen, ein Graf Catälan hat ihn zur Grossmama geführt, die litt nicht, dass die Emigranten wie gewöhnlich Politik sprachen, weil sie meistens geteilter Gesinnung sind, später erzählte sie, dass sein Bruder jener Varicourt sei, der als garde du roi am 6. Oktober 1790 in Versailles an der Tür der Königin ermordet wurde, als er ihr zurief: "Königin! Retten Sie sich, es ist der letzte Dienst, den ich Ihnen leiste!" Die Grossmama erzählte mir von seiner Mutter, die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer düstern grossen Vorhalle, die zugleich Küche war, mit alten wollnen Tapeten so faltig behangen, ein altes Ruhebett, auf dem der Hut ihres Sohns mit weisser Kokarde lag, ein paar Strohstühlchen, ein ungeheuer grosser Kamin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreisern, wo ein Kesselchen mit Teewasser für die kranke alte Frau kochte, eine schlafende Katze zu ihren Füssen, ein einziges schmales hohes Fenster in diesem zerfallenen Wohnsitz einer ausgestorbenen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und gesagt, es war eine Zeit, wo das weisse Band ganz Frankreich zum Gehorsam für seinen König aufrief usw. – Ich hörte der Grossmutter gern zu, solang sie dies erzählte, dabei brachte sie aber noch so manches andre vor, was keinen Zusammenhang damit hatte, so sprach sie von einer Herde mehrerer hundert Kühe, die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle totgeschossen wurden; – sie jammerten und tobten bei den ersten Schüssen, als aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr gewehrt, alle haben ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren König –, dann hat die Grossmama noch Unendliches von unschätzbaren Leuten erzählt; von Seidespinnerei, von 360 Kokons, eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, soviel Simmer Seidenwürmer spinnen an 5 Pfund Seide – frassen zu viel Maulbeerblätter, man gab ihnen Latuk, Spinat und Blätter von Johannistrauben, welches sie mit Vergnügen frassen, recht gut Seide spannen, nur dass sie