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denn wenn ich einmal etwas nicht weiss, so ist es nur, als hätt ich's vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal gewusst. – Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum Beispiel gestern bei einer wilden Kastanie, die ich aus ihrer grünen Hülse losmachte, da lagen drei Kastanien ineinandergefügt, noch unreif, blendend weiss, da mein ich immer, ich müsst mit Gewalt wissen lernen, was alle diese Formen sprechen, denn gewiss ist's, alles Geschaffene ist durch den Heiligen Geist erzeugt. Es ist unmöglich, dass eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort "Es werde!" hervorgegangen. Nun, was durch den ewigen Erzeugungswillen hervorgeht, das muss doch eine Selbstsprache haben, das muss sich nämlich aussprechen und sich auch beantworten. Dein Leben muss doch eine Sprache führen, denn sonst ist es ja nichts. Also, wen Gott liebt, mit dem führt er gespräche, also bloss Liebesgespräche, – ja was ist auch Gespräch als bloss die Liebe, – so ist denn alle Form in der natur ein Ausdruck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also Sprach Gottes. Gott ist der Liebendeist denn Gott persönlich? – Hat er ein Antlitz? – Kann ich ihm die Hand reichen? – Wo find ich ihn, dass ich Liebesgespräch mit ihm führ. – Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich muss um sie trauern, dass es so und nicht anders ist. – Liebe ist, glaube ich, nur Göttergespräch. – Weil ich weiss, dass ich alles weiss, nur kann ich's nicht finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gespräch mit Gott. Das ist also Liebesgespräch, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hör den Bach rauschen neben mir, was der redet alles und Antwort drauf geben muss! Und streck die Ärm aus im kühlen Gras überm Kopf und frag in meine Seel hinein alles, was ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte übertragen. Aber es gibt auch ein Gespräch ohne Worte. Aber Liebe ist doch wohl bloss Gotteitsgespräch? – Ja was soll sie anders sein? – Frage und süsse Antwort; könnt ich aufhören, danach mich ewig zu sehnen? – Ich wär mir selber gestorben. Und die Seele, die mich am tiefsten verstehtmir am sehnsüchtigsten Antwort gibt, mich wieder frägt um Antwort, die muss ich lieben. – Wissen wollen, ist ja schon Wissen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue, so nehm ich ein Bild in mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht entalten, irgendwas anders sein zu wollen als ein Liebender? – Wie komm ich doch darauf? – Das ist von heute früh auf der Gerbermühl unser Gespräch; – ich sag Dir, wenn ich geschwiegen hab, so ist das, weil mir die Worte nicht wohltönend genug vorkamen, ich sehe mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will, da find ich keinen Ton, der stimmt, und Du kannst mir's glauben, manches lass' ich ungesagt, weil ich's nicht edel genug auszusprechen vermag, durch Musik hab ich's herausgefühlt, dass aller Geist im Menschen liegt, dass er aber nicht die Melodie dazu findet, ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklärung, das ist Musik, die muss Sprache sein, alle Sprache muss Musik sein, die erst ist der Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesgespräch durch die Musik der Sprache. – Geist ist grösser wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufragen, spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist übersetzt, Geist ist Musik, so muss auch die Sprache, durch die er uns in sich aufnimmt, Musik sein. Wie könnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwürdiger Gestalt! – Nein! – Geist ist verinnigt mit Schönheit, er ist nur dann Geist, wenn er Schönheit ist. – Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hat's Gefühl, dass Geist nur Schönheit ist. Alle schöne Handlung, alles Grosse ist ein Gedicht des Geistes. – Ach ich streck die Händ zum Himmel und möchte was anders, als was die Menschen tun. Denn ich fühl wohl, mein Nichtstun ist Sünde. – Aber was soll ich tun, was mich weckt? – Die Kunst, meint der Clemens! – So ist's bloss, weil er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu tun hab. – Denn das muss wohl meine grösste Anlage sein, was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich fortnimmt. – Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studieren mag und bei dem Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen kann, so ist's doch die Welt, die ich regieren möchte, und mich reisst's hin, darüber nachzudenken. Wenn Du an den Clemens schreibst, so sag's ihm, das scheine mir mein entschiedenstes Talent, die Welt regieren; weiss er gelegenheit, mich darin zu üben, so will ich fleissig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Regierungsgedanken den Schlaf, von allen Seiten, wo ich die Welt anseh, möchte ich sie umdrehen. Eine Zeitlang hat alles, was ich im Leben