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der Blumengarten Gottes, wo jede Knospe in ihren eigentümlichen Farben sich erschliesst, der weise Gärtner gibt Schatten den einen und Kühle und harten Boden, den andern Sonne und fruchtbare Erde, so wie jedes bedarf zum Blühen. – Und das Blühen ist ja die Erfüllung aller sehnsucht. Drum lasse uns das Leben lieben, weil es uns zu dieser Blüte bringt, und denken, die Wolke über uns schütte sich aus, den Staub von uns abzuwaschen, und dass dann die Sonne aufs neue uns anglänzt.

Ich bin traurigich kann nicht von Dir losDein Lied schmerzt michja es weckt Melodienaber so schmerzlichedass ich in ihrem Gesang den Widerhall Deines Wehs empfinde und mich schäme, dass ich so heiter war diese Zeit über, an jedem Weg mir Blumen sammelte und Dir zuwarf in Scherz und Übermut, und das war schlecht lieben gelernt von mir, wo ich doch herausgezogen war, um dieser Schule mich ganz zu widmen.

Was werde ich dem Clemens sagen, wenn er auf meine Bildung zu sprechen kommt? – Ich freu mich sehr auf den Clemens, das wird mich für Dein Fortlaufen trösten, ich mag gar nicht dran denken, dass Du mit so viel Menschen umgehen kannst, mit denen ich kein ungescheut Wort zu sprechen vermag. – Wie ist mir doch hören und Sehen verkürzt durch Dein Weggehen! – Gestern abend noch blies mir die hundertjährige Cousine das Licht aus, ich solle nicht die ganze Nacht durch schreiben, meinte sie, oder sie wolle es der Grossmama sagen, dass ich meine Gesundheit verderbe, ich hatte einen Schachteldeckel vors Licht gestellt, dass sie's nicht sehen sollt durchs Schlüsselloch, aber sie bemerkte den Widerschein; – ich sagte: "Sie alte Hundertjährige, was will Sie mit mir auf der Welt, Sie kann doch unmöglich noch einmal hundert Jahr leben, dann gehen wir zusammen." – "Nein, wenn Du's so machst, dann kannst Du mir nit e mal Quartier bestellen, ich überleb Dich hundertmal." Ich musst mir's gefallen lassen, das Licht war aus, ich nahm sie aber dafür auf den Arm und trug sie mitsamt ihrem Laternchen hinunter auf ihren Ledersessel. Sie schrie erst, ich werde sie die Treppe herunterwerfen, aber mitten in der Todesgefahr war sie vor Angst ganz still, unten auf dem Sessel wollte sie anfangen zu zanken, ich nahm aber ihr Federbett und warf's ihr auf den Kopf und lief fort. – Jetzt kommt sie gewiss nicht wieder. – Obschon ich müde war, hätt gern noch geschrieben, was ich jetzt nicht mehr weiss, heute schwärmt mir's nur vor Augen und Ohren, dass Du nicht mehr auf Deinem alten Plätzchen meine Briefe bekommen sollst. Die Grossmama hatte gestern einen Anfall von Schwindel, ich mag nicht nach Frankfurt verlangen, und auch mag ich nicht hin, was soll ich dort, wenn Deine Haiden, Deine Holzhausen, Deine Nees Dich in Beschlag nehmen! – Ich glaubte, ja wahrhaftig, ich glaubte, ich wär Dir lieber wie die andern und es wär Dir Ernst mit unsrer religiösen Weltumwälzung, wie's auch mir ist, und so war's auch recht von Gott angeordnet, dass wir beide nicht beisammen und doch so nah waren, dass jeden Tag unsere Briefe sich erreichten, so kam es doch zu Papier, sonst hätten wir's verschwätzt. Was hilft's! – Übermorgen gehst Du bis Würzburg, das liegt ausser der Welt, und lässt mich hier auf dem Dach vom Taubenschlag schmachten. – Wenn Du gut sein willst, so komm morgen früh um sieben Uhr auf die Gerbermühl; hierher komme nicht, weil die Grossmama unwohl ist, da ich jetzt immer in ihrem Vorzimmer bin, aber bis morgen um zehn Uhr, wo ich erst zu ihr gehe, kann ich mit Dir sein, um sechs Uhr geh ich auf die Gerbermühl, der George lässt Dich hinfahren, ich hab's ihm geschrieben. Hinter der Mühl in dem langen Heckengang auf dem Stein am Kreuz wollen wir uns ein bisschen hinsetzen zusammen, Du kannst nach der Stadt zurückfahren, Du kannst auch das Kabriolett zurückschicken und zu wasser heimfahren, das wär mir lieber, damit Du nicht ängstlich sein sollst, ums Kabriolett halten zu lassen, solang mir beliebt. Ach, am Sonntag hab ich auch eine Wasserfahrt gemacht mit Jeannot und Dorwille auf Bernhards Nachen hinter dem Schiff mit der Harmonie, alles war in Scherz und Liebesreden begriffen, wenn die Musik pausierte, ich aber hatte keinen Anteil dran, der Gärtner sass am Steuer, dem wollt ich nicht Leid tun, er hatte schöne feine Hemdärmel und mein Schnupftuch um den Hals geknüpft.

An die Günderode nach Würzburg

Weil ich jetzt weiss, dass Du ausser der Welt bist, so hab ich ein ganz ander Leben angefangen, und mein Sinn hat sich ganz geändert. – Ich möchte auch fort in die Welt, ja ich möchte fort! – Ich bin doch in meinem Leben noch auf keinen Berg gestiegen, von wo aus man die ganze Welt übersieht, und in meiner Seel überseh ich doch die Welt. – Du zankst, dass ich alles besser wissen will, und ich weiss doch alles besser, und ich kann doch nichts davor, dass mir's anders und besser einfällt. – Ja mir kommt vor, als sei mein Bewusstsein ein Gesang meiner Seele, dem ich mit Vergnügen zuhör,