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hinausführen, wo er das Veilchen gefunden hatte, und suchten noch mehrere; und von da an war der Zauber aufgehoben, und wir lachten recht, dass uns das Veilchen so schnell aus Asien herübergezaubert hatte nach Frankfurt auf die alten Festungswälle, denn wir gingen von nun an in den schönen Frühlingstagen jeden Mittag hinausund machten uns Kränze, die standen Dir so schön, so war die geringste Wirklichkeit schon wieder ein Paradies für uns. Sieben Spaziergänge haben wir so gemacht, Günderode, ich hab mir sie gezählt, sie kamen mir wie das Köstlichste im Leben vor. Du sassest immer unter der grossen Eiche und bedauertest Deinen arabischen Renner, dass Du den nicht mit aus Asien herübergebracht hattest; während ich am Abhang niederkletterte, wo Du immer Furcht hattest, dass ich hinunterfalle; am Neujahrstag war ich wirklich da hinuntergekollert, ich war mit George da spazierengegangen, es war Glatteis, ich glitt aus und er den Augenblick, ohne sich zu besinnen, mir nach, da fasste er mich und hielt sich mit der andern Hand an einer Wurzel fest. Er war ganz blass und wankte, denn er konnte schwer das Gleichgewicht halten. Oben sagte er: "Jetzt wären wir beide zerschmettert, hätte Gott mir nicht beigestanden, denn ich hätte mich Dir nachgestürzt." – Ich war bis dahin gar nicht erschrocken gewesen, denn ich bin so faselig und merk nie Gefahr. – Aber das erschütterte mich, dass des Bruders Leben an dem meinen hing wie an einem Haar, und dass es Gott nicht reissen liess. – Wie Geschwister doch aneinanderhängen wie Glieder eines Leibes, eins stürzt dem andern nach in den Abgrund; eins rettet das andere. Möge ich's doch nie vergessen, dass Vater und Mutter mir den Bruder geschenkt haben. –

Was wollt ich Dir doch sagen! – Ja, dass damals mir zuerst der Gedanke kam, wie das Leben nur als Notbehelf vernutzt werde. Ich dachte, dass wir Gedanken haben, so rasch, und dass die Zeit hinten nachkommt und mag nichts erfüllen, und dass die Melancholie allein aus dieser Quelle des Lebensdranges fliesst, der sich nirgend ergiessen kann. – Die Welt muss voll dessen sein, was unser Leben entwickelt, kämen die Taten und überflügelten unsere sehnsucht, dass wir nicht immer ans Herz schlagen müssten über den trägen Lebensgang, – nicht wahr, Du fühlst es auchdas wär die wahre Gesundheit, und wir würden dann scheiden lernen von dem, was wir lieben, und würden lernen die Welt bauen, und das würde die Tiefen der Seele beglücken. So müsste es sein, denn es ist viel Arbeit in der Welt, mir zum wenigsten deucht nichts am rechten Platz. – Und was ich niemand sage wie nur Dir, ich mein immer, ich müsse die ganze Welt umwenden, ja, ich sage Dir, es liegt mir so nah, dass ich oft in Träumen mich nach dem Szepter umsehe, wo Gott den für mich hingelegt hat, und würde gewiss die Verwirrung lichten. Nur ein einzig Ding, am rechten Ende angefasst, zieht eine Menge andere nach sich, die von selbst dann ins rechte Geschick kommen würden. Die Menschen lernen dann allmählich auch das Rechte denken, wenn sie erst eine Weile das Rechte haben tun müssen. Denn ich sage nur immer so: konnten sie so fest in der Unnatur sich einwurzeln, wieviel fester und kräftiger dann im Boden, der ihre höhere natur erzieht? Sollt ich irren? – Menschengeist horcht auf Göttergebot in der eignen stimme; horcht auf jene heilige Urphilosophie, die ohne Lehre als Offenbarung jedem sich gibt, der mit reinem Willen zur Wahrheit betet. – Das hast Du selber gesagt, es sind Deine eignen Worte. Wie oft hab ich doch einsam um Wahrheit gefleht! – Und wie unermesslich ist doch Vollendung über die Sterne hinauf, – und die Zeit darf nicht mehr sein, da, wo wir sie gegenwärtig fühlen. – O bessere Tage, wo seid ihr? O kommt uns entgegen, lasst nicht immer nur harren auf euch, dass nicht auch wir nur wie Schattenbilder an euch vorübergehen. Lasset euch dienen, ihr Tage, die ihr den Geist der Liebe sollt hinüberschiffen; still und heimlich euch landen helfen und den Genius aufnehmen, lehren die Menschen, dass sie ihn nimmer verschmähen, der in allem allein nur darf gelten! – So rede ich das Morgenlicht an, das mich weckt, und denke dabei Deiner und meiner. – Was sind Freundschaftsbande? – Was ist Zusammenleben und Austausch der Gedanken, wenn der dritte nicht niedersteigt, der Göttlicheder herab sich lässt, um das Leben genesen zu machen? – Achso deutlich steht es geschrieben in meiner Brust! – Gefasst und besonnen muss der Geist sein, – das weiss ichund das Herz ist oft ein ungeduldiger Kranker, aber der Geist wird auch alles für es aufbieten, und eine Höhe muss es geben, wo grade durch den Geist es mit allem Leiden versöhnt werde. – Das denke, wenn es zu hart Dich bedroht, lasse Dir nicht schwindeln und denke, dass Begeistrung immer das höchste Erdenschicksal ist, und dass die aus dem Schmerz sich erzeuge, wie aus der Freude. – Und mag's kommen, wie's will, so sollen zu Helden wir uns bilden, mit der Freude wie mit dem Schmerz unsre Freiheit erkaufen. – O kommt mir das Feld der Schicksale doch vor wie