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den Drachen nicht, Du kosest ihm und legst seinen Flammenrachen zärtlich in Deinen Schoss. – Jetzt war ich aufgewacht aus meinen Träumen, ich nahm dem Reitknecht an meiner Seite die Zügel und jagte durch die breite Ebne, ganz im Mondlicht schwimmend. – Ach, wie lustig! – Allerlei Glücksempfindung! – Mit Dir hab ich den Pindar gelesen, Du hast auf Deinen Lippen die Begeistrung aufgefangen und mir auf die Seele geträufelt. Wenn der Sänger mit sausenden Schwingen dahinflog, an uns vorüber! – Weisst Du's noch? – "Dahin raste der heissbrausende Hymnensturm Latonens Sohn zum Preis!" – Weisst Du's, Günderode, noch? – Das Licht war ausgebrannt, Du lagst auf dem Bett, die Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in fester prägenden Rhytmen, wo ich das Versmass sinken liess, und bei der Nachtlampe las ich weiter:

Hört mich, ihr Söhne stolzer Helden und der

Götter! –

Denn ich verkünde diesem meergepeitschten Land,

Einst werde Epaphus' Tochter eine Städtewurzel

pflanzen

Auf des Hammoniers Boden, den Sterblichen zur

Wonne,

Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann

Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit

Zügeln, –

Und fahren auf sturmfüssigen Wagen dahin.

Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stiess sie im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte mit hinter leichtem Gewölk hervor. "Hörst du auch wieder die alten Hymnen, Latone, deinen Söhnen gesungen?" rief ich, – und so füllten sich allmählich meine Sinne und rauschten auf, als seien sie von einem Harfenrührer erschüttert mit goldnem Plektron und jugendbrausendem Mut. – glückliche Nacht, wo die Gedanken wie Blüten im Südwind sich auftun fröhlicher Hoffnung vollund ein Gefühl heitern Geschickes wie glänzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich ergiesst, die der Drache in die kühlen Mondlüfte spie!

So kamen wir nach Offenbach, ich wendete links ab, statt in die Domstrasse zu fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zügel greifen, weil ich den Weg verfehle, ich wehrte ihm, und so fuhr ich rasch am Boskett vorüber, wo die Pappeln so anmutig sich neigten, so schüchtern rauschten, als wollten sie mich grüssen. Ich lenkte in den engen Weg nach des Gärtners Haus, ich hatte gesagt, um halb zwölf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht, der Tag war im Aufwachen, der Gärtner stand vor seiner Tür und nahm die Mütze ab, als er mich kommen hörte. "Guten Morgen," sagte ich, "heute werde ich nicht in den Garten kommen, ich will ausschlafen, da ist Euer Kranz," und lenkte wieder um voll Vergnügen, dass ich's durchgeführt hatte mit dem Kranz, denn ich war unterwegs voll Zweifel, ob ich's tun solle oder nicht. – "Dem Moritz den Gürtel, dem Gärtner den Kranz," sagte ich mir immer; aber eine innere stimme sagte mir, warum soll der Gärtner den Kranz entbehren, er gehört doch sein, und er war ihm früher versprochen, und dann fühlt ich, wie weh es ihm tun werde, wenn ich mein Versprechen nicht halten würde, und wie das ohne Lüge nicht abgehen könne, ich müsse ihm sagen, der Kranz sei verloren oder zerrissen, und das wär eine doppelte Unachtsamkeit und müsse ihn doppelt verletzen, nein, ich musst ihn ihm geben. Meine Seele war ordentlich leicht, als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing, er errötete so freundlich, grad mit der Morgenröte! – die aufstieg. – Dem Moritz den Gürtel, ihm den Kranz! Ja beiden gehört's. – Denn beide sind freundlich gesandt vom Dichtergenius, der in der lautlosen Stille, wenn's, von Menschen nicht gewusst oder nicht bedacht, mir durchs Labyrint der Brust schweifet in der Nacht. –

Zu Haus im Bett wie war mir's da? – Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an der Amme trinken, da musste es so schnell schlucken, es konnte nicht eifrig genug trinken, so strömte ihm die Milch zu. Grad so war mir's im Herzen, ich schluckte süsse Milch, alle süsse Erinnerung strömte, so wie meine Gedanken nur einen Augenblick wollten an ihr saugen, und wie's Kindchen sich von einer Brust zur andern wendet, weil sie zu voll strömen, bis es vor Ermüdung des Saugens einschläft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern und schlief auch endlich vor Ermüdung des Geniessens ein. – So hab ich geschlafen bis Mittag, da brachten sie mir einen Strauss, der war mir aus dem Boskett geschickt worden. – Hör nur, was das für ein Strauss war, und wie witzig der Gärtner ist; und wie gebunden, und was das bedeuten mag, – in der Mitte eine Moosrosenknospe, da herum Vergissmeinnicht und Heidekraut, die einen Kranz bilden, dann rund herum höher herauf Wacholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk und Laub, was höher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch, in dessen tiefster Mitte die Moosrose glüht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein Geschenk, der Kranz; das Heidekraut, was die Rose schirmt, das ist der bescheidne Gärtner, eine Blume, wie sie unzählig sich auf dem Feld ausbreitet, die Vergissmeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wird's nimmer vergessen, dass ich