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hat einen kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester und ein paar Zeilen an Dich; mein Zimmer gefällt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch wohl, da Du meinst, es stelle meinen Charakter vollkommen dar. Am liebsten ist mir, dass Du zur rechten Zeit kamst, um die Schmetterlinge zu befreien. Du kommst immer zur rechten Zeit, um meine Dummheiten gutzumachen. Den philosophischen Aufsatz, wie Du ihn zu nennen beliebst, schenk ich Dir, ich nenne ihn einen steifstelligen, verschnippelten, buchsbaumernen Zwerg, ein fataler grüner Würgengel von superklugem Gewälsch, ohne Sprach, ohne Musik, es sei denn das hölzerne Gelächter; dem gleicht's ganz im Ton und Inhalt; mach mich nicht närrisch, – ich will nichts mehr davon wissen. Dein apokalyptisch Fragment macht mich auch schwindlen; bin ich zu unreif, oder was ist es, dass ich so fiebrig werde, und dass Deine Phantasien mich schmerzlich kränken. "Meine Gedanken wurden hierhin und dortin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch." Warum schreibst Du mir so was? – das sind mir bittere Gedanken! Es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit, dass Du Deinen Geist in eine Unbewussteit hineinversetzest. Ich weiss nicht, wie ich immer empfinde, als sei alles Leben inner mir und nichts ausser mir, Du aber suchest in höheren Regionen nach Antwort auf Deine sehnsucht, willst "mit Deinen Gespielinnen den Mond umwallen", wo ich keine Möglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst "erlöst sein von den engen Schranken Deines Wesens", und mein ganz Glück ist doch, dass Gott Dich in Deiner Eigentümlichkeit geschaffen hat; – und dann sagst Du noch so was Trauriges: "Ich schien mir nicht mehr Ich und doch mehr als sonst Ich." Meinst Du, damit wär mir gedient? – "Meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewusstsein hatte sie überschritten, es war anders." Mit dem allen ist mein Urteil gesprochen, mich quält Eifersucht, mir scheint Dein Denken ausser den Kreisen zu schweifen, wo ich Dir begegne. Du bist herablassend, dass Du vor mir solche Dinge aussprichst, die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht mag, weil sie unsern engen Lebenskreis überschreiten, in dem allein mir nur lieb denken ist. Straf mich nun mit Worten, wie Du willst, dass ich so dumm bin, aber der Eifersucht Brand tobt in mir, wenn Du mir nicht am Boden bleibst, wo auch ich bin. In diesem Fragment lese ich, dass Du nur im Vorübergehen mit mir bist, ich aber wollte immer mit Dir sein, jetzt und immer, und ungemischt mit andern; erst hast Du geweint im Traum um mich, und nachher im Wachen vergisst Du alles Dasein mit mir, ich kann mir nichts denken als nur ein Leben, wie es gerad dicht vor mir liegt, mit Dir auf der Gartentreppe oder am Ofen, ich kann keine Fragmente schreiben, ich kann nur an Dich schreiben, aber innerlich weite Wege, grosse Aussicht, aber nicht dem Mond nachlaufen und im Tau vergehen und im Regenbogen verschwimmen. Zeit und Ewigkeit, das ist mir alles so weitläufig, da fürcht ich Dich aus den Augen zu verlieren, was ist mir "Ein unendliches Leben bleibend im Wandel", jeder Augenblick, den ich lebe', ist ganz Dein, und ich kann's auch gar nicht ändern, dass meine Sinne nur bloss auf Dich gerichtet sind, Du wirfst mich aus der Wiege, die Du auf dem grossen Ozean schwimmend vor Dir hergetrieben hast, hinaus in die Wellen, weil Du in die Sonne fahren willst, unter die Sterne und im Meer zerrinnen. – Mir ist schwindelig, taumelig. – So ist einem, der vom Feuer verzehrt wird und kann doch kein wasser dulden, das es lösche. Du verstehst mich nicht, und wenn Du noch so klug bist und alles verstehst, das Kind in Deine Brust geboren, das verstehst Du nicht. – Ich weiss wohl, wie mir's gehen wird mein ganzes Leben, ich weiss es wohl. lebe wohl.

Bettine

heute haben wir den 19. Mai, am 7. Mai hat's zum erstenmal gedonnert in diesem Jahr, das wird gerad gewesen sein, wo Du das verdammte apokalyptische Fieber hattest.

Noch vierzehn Tag bleiben wir, alles blüht, ein Abhang voll Kirschbäume, so dunkelrote Stämmchen, so jung wie unsereins, ich geh alle Morgen früh hinaus und such die Raupennester dort ab; soviel ich hinanreichen kann, bieg ich die Zweige herab und brech die boshaften Raupennester heraus, sie sollen sich freuen dies Jahr, die Bäume, und nicht mit kahlen Häuptern dastehen vor dem Herbst. – Ich tu's auch, weil ich mich gegen Dich zusammennehmen will, hast Du Deine Regenbogenkränzchen und Deine Mondkoterien, wo Du übers Bewusstsein hinausspazierst und das Heimkehren vergisst, mit Deiner Haiden, mit Deiner Nees, mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternennebel tanzest, so hab ich meine einsame Unterredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und Reineclauden und Kirschbäumen in der Blüte, und gestern war ich mit dem Gingerich drauss am Goldweiher, da haben wir eine Hütte gemacht von Moos, da haben die zwei jungen Wiedertäufer geholfen, der mit dem braunroten Bart, der so stolz drauf ist; der schöne Hans und der blonde Georg; sie liessen beide ihre Pflüge stehen und kamen heran, mir