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Getümmel in mir mich verstummen macht, dass ich nicht zu Wort komme vor mir selber. – Und ich erinnerte mich, dass, wie wir einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: "Und wenn er auch nur das einzige Wort gesagt hätte: der Mensch solle alles Innerliche ans Tageslicht fördern, was ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennenlerne, so wär Schleiermacher ewig göttlich und der erste grösste Geist." – Da dachte ich, wenn ich von Dir fern wär, da würde ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner natur offenbaren könnenDir und mir; und ganz in ihrer ungestörten Wahrheit, wie ich sie vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will, dass Du mich liebst, wie soll ich das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst, – sonst hab ich gar nichts anders, – und von stunde an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche, aber doch mahnende Worte darüber gesagt, dass ich mit dem Moritz auf der Strasse gestanden hatte und geplaudert; – die Lotte hatte es der Schwägerin gesagt; – ich antwortete ihm nicht darauf, denn verteidigen schien mir nicht passend, wie denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist, dass ich solche Irrtümer aufklären möchte, und am Ende schien mir der Moritz doch wert, dass man freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr schwarz gemacht wurde, er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz, und ich sah mich um, ob niemand mich erspähen könne, und zog ihn in die Ecke, wo die Wendeltreppe hinaufführt zu meinem Zimmer, da küsste ich ihn auf seinen Mund, zweidreimal, und dass er meine Tränen auf seinem Gesicht fühlte, denn er wischte sie mit der Hand ab, und sagte, "Was ist das? – was fehlt dir, Kind, was ist dir?" Ich riss mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnenund war sehr schnell oben, dass er's nicht sah, er glaubte mich in meinem Zimmer und kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise auf und weilte einen Augenblick im Zimmer, als er herauskam, sah er nach der Altan, mir war recht bang, er würde mein weiss Kleid erblicken, denn das schimmerte durch das dünne Bohnenlaub. Ich weiss nicht, ob er mich sah und mein Verbergen achtete, aber ich glaube's, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich ins Zimmer kam, fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Fläschchen in zierlichem Brasilienholz mit Rosenöl; – am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter sprach er nichts zu mirwie sonstaber er kam in meine Nähe, und weil das Fläschchen so süss duftete hinter dem Strauss von Aschenkraut und Rosen, da lächelte er mich an, und ich lächelte mit, aber ich fühlte, dass gleich mir die Tränen kommen wollten, ich musste mich abwenden, er merkte es und ging zurück und stellte sich unter die andern, er musste auch tanzen mit den Prinzessinnen und hatte viel Geschäfte und musste eine Weile mit dem König von Preussen sprechen, aber ich sah doch, dass er mich im auge behielt den ganzen Abend, und selbst während er mit dem König sprach, sah er herüber, sehr ernstaft immer, ich war heimlich vergnügt, aber doch hätt ich jeden Augenblick weinen mögen, als wir weggingen, flüsterte er mir ins Ohr: "Du gleichst der Sophie." Was war das alles, was mir durch die Seele ging? – ich weiss es nicht. Am andern Tag, wo ich nicht wie gewöhnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Gärtner geschickt mit einem Wagen voll schöner seltner Blumen, die stellte er ohne mein Wissen hinter der Bohnenwand aufund als ich sie sah, war ich erst gar erschrocken und verstand nicht, wie die Blumen daher gekommen waren, aber bald verstand ich, er müsste mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am vorigen Tag. – – Ach, ich war während dieser Stunden so wunderlich bewegt gewesen: von Dir, von Kränkungen, von Mitleid, dass er verleumdet war; von seinem feinen Wesen zu mir, und dann, dass er mir gesagt hatte so leise: "Du gleichst der Sophie," die ihm doch gestorben war, – dass ich nicht mehr wusste, was ich wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt, der der Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mädchen, denn das war gleich in der Stunde auf die Welt gekommen, der liess mich fragen, ob ich nicht wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein, ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr krank, wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm und sagte: "Es wird gleich sterben," da war mir so bang, ich hatte niemals jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind