ich mich reif zum Abschied und sterb, wenn ich lernen will.
Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der gemeinen Frau, das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten, wo die Tonie wohnt, hereingegangen in die Stadt. Da begegnete mir eine Frau, der war das Band aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bücken, denn sie ging mit einem kind und seufzte sehr unter ihrer Last, ich liess sie ihren Fuss auf mein Knie stellen, um das Schuhband ihr zuzubinden, dann aber führte ich sie nach ihrer wohnung, weil sie so sehr jammerte über Schmerzen, es war schon dämmerig, als wir in die Stadt kamen, da begegnete mir eben auch die Frau Euler, welche unser beider böser Dämon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu meinem Pläsier, und schleppte die Frau weiter, die fing aber an, mir bang zu machen, denn sie seufzte so schwer und ward so blass und der Schweiss trat ihr auf die Stirn, da kam der gute Doktor Neville, dem übergab ich die Frau, und als ich auf den Rossmarkt kam, da begegnete mir der Moritz, der sagte: "Ach, wie blass sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was." "Ich habe so grossen Hunger", sagte ich – und es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht, der Moritz griff in die tasche, die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern, er leerte seine tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte, um sie hineinzufüllen, da führt der Kuckuck die Lotte vorbei; der Moritz ging, die Lotte kam an mich heran und fragte: "Wie kannst du nur auf offner Strasse mit dem Moritz Hand in Hand stehen?" Das ärgerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein, wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs Fensterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die Dämmerung, und endlich sagtest Du: "Warum bist Du heute so schweigsam?" Ich sagte: "Ich esse meine Oliven, das beschäftigt mich, aber Du bist doch auch stille, warum bist Du still?" – "Es gibt ein Verstummen der Seele," sagtest Du, "wo alles tot ist in der Brust." – "Ist es so in Dir?" fragte ich – Du schwiegst eine Weile, dann sagtest Du: "Es ist grade so in mir wie da draussen im Garten, die Dämmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen büsche, sie ist farblos, aber sie erkennt sich, – aber sie ist farblos," sagtest Du noch einmal, und dies letzte Mal so klanglos auch, dass ich Dich im Nachtschimmer ansah, verwundert und verschüchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte, wie ich mit Dir anheben sollt; ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir geeignet, diese Stille zu unterbrechen, die immer tiefer und tiefer sich wurzelte und mir wie einen Schlummer durch den Kopf strömte, dem ich nicht mehr widerstand – ich legte mich träumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so, wer weiss, wieviel Zeit verging, da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah, da standst Du über mir gebeugt und sahst auf mich, und als ich Dich fragend ansah, da gabst Du zur Antwort: – "Ja, ich fühle oft wie eine Lücke hier in der Brust, die kann ich nicht berühren, sie schmerzt;" ich sagte: "Kann ich sie nicht ausfüllen, diese Lücke?" – "Auch das würde schmerzen," sagtest Du; da reicht ich Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein blick, der so still war und so innerlich und doch nur wie über mir hinstreifte. O ich hatte Dich im Heimgehen so lieb, ich schlang meine arme um Dich so fest in Gedanken, ich dachte, ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans ende der Welt und dort Dich an einen schönen moosreichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts Dich berühren lassen, was Dir wehtun könne; ja, so war's in meinem kindischen Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich fröhlich machen und dachte einen Augenblick, es solle mir gelingen, aber ich weiss wohl, dass mir so was nicht gelingen kann, und dass es nur Verwechslen ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und Nahes nicht unterscheiden können, die auch meinen, sie können den Mond herablangen mit der Hand und können den Spielkamerad damit trösten, wenn er stumm und traurig ist. – Als ich nach haus kam, da waren alle beim Tee versammelt, und ich war stumm, weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein, wie ich doch ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle, das Dich ein bisschen berühre, da Du mir bisher alles allein gegeben hast, und ich hab nie die stimme in meiner Brust können vor Dir laut werden lassen; da dachte ich, wenn ich fern von Dir wär, da würde ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das vielfältige, ja das tausendfältige