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Ich schreibe nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf, ich bin jetzt schon vier Wochen recht vergnügt hier und will auch durchaus noch bei der Grossmama bleiben, bis die Tante aus dem Bad kommt, wir haben uns gar sehr ineinander gewöhnt, die Grossmama und ich, ich hab sie um Erlaubnis gefragt, ob es ihr nicht unlieb sei, wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt: "Nein, gut Mäuschen, hast lang genug hier ausgehalten, wann kommst du wieder? – Denn du wirst doch wohl den andern Tag in Fr. bleiben?" – Ich sagte, ich wolle noch in der Nacht wieder herauskommen, denn ich sah ihr an, dass sie fürchtete, ich möchte in der Stadt bleiben, und das könnt leicht kommen, dass die Brüder mich dann nicht wieder herauslassen, und ich will doch nicht eher fort, bis die Grossmama selber will und nicht mehr allein ist, richte es also mit Tonie und Marie so ein, dass die zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gig herausfahren kann, denn ich fürcht mich nicht vor der Nachtluft, das weisst Du ja, dass das ein Gesetz ist in unserer schwebenden Religion. – Und Dein fürchterlich Gebrummel, davor fürcht ich mich gar nicht, denn ich weiss doch, dass es Dir grad so gefällt, und mach dem Clemens weis, was Du willst, aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen; wer's ihm gesagt hat, dass ich Dir so lange Briefe schreibe, das war der St. Clair, dem hast Du ein Stück aus meinem längsten Brief gezeigt und abgeschrieben, wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar mitgeteilt hat, dann weiss ich gewiss, dass mich der Clemens lang ansehen wird und wird mit fragen hintenherum kommen, ich weiss gewiss, er wird allerlei Kuriosigkeiten fragen und so lang über mich hinausfahren ins Kreuz mit Segensprüchen, um mich von der Behexung loszumachen. Wie ich Dir sag, mit dem Clemens führ ich ein ganz ander Leben, es ist ein ander Register, das da aufgezogen ist, wenn ich an ihn schreibe, es hat gar denselben Ton nicht, wie mit Dir.

Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen. Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein Nervensystem, alles ist in ihr aneinandergereiht wie's menschliche häusliche Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den grossen Einfluss, den die Musik auf mich hat, zu verschiedenen Malen mitgeteilt hab, so kannst Du denken, dass ich dabei nicht stehenblieb, allein wenn man Wege betritt, die noch zu keinem Ziel geführt haben, wo alles noch wüste ist, noch keine Lösung hat, noch selber mir nicht einleuchtet, was kann ich da viel sprechen? – Die Bekanntschaft mit dem inneren Leben einer Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht, die bloss auf Auseinandersetzung ihrer einzelnen Teile geht, und sie wissen sich recht viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung darüber; sie wirbelt mir auch nicht wie ein blauer Dunst durch den Kopf –, mir geht noch zugleich ein romantisch oder geistig Bild dabei auf, das eine gibt mir Stimmungen, das andere wohl Offenbarungen –, erst gestern wurde im Boskett unter verschiedener neuer Musik, die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgeführt von Friedrich II. Gleich vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstiefeln mutig auf, von allen Seiten her tönt's ihm wider, er müsse keck über die schüchterne Menschheit weggaloppieren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest entgegen, sein Ross hat ihn in die einsamste Öde getragen, fern von den Menschen, die er wie eine Koppel Hunde mit einem Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig Übermächtigen nieder, hier bekennt er die weite Leere seines Gemüts, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben, ungeduldig und zärtlich, demutsvoll küsst er die Spuren ihres Wandels, und mit Vertrauen beugt das gekrönte Haupt sich unter ihrem Segen. – Gereinigt, getröstet, wie wenn nichts geschehen wär mit ihm, kehrt er aus diesem Flötenadagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und Hoboen zurück. – Ich aber spür's, was die Kunst für Weisheit übt. Wo keine Hand hinreicht, wo keine Lippe sich öffnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja, Musiksie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt, und kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich ihr der König wie der Vasall.

Wie aber ist's mit der Symphonie von Beetoven, die gleich drauf folgte? – Willst Du mit hinüber unter jenes Ölwalds gleiche Stämme mit Laub wie Samt, schwimmend im Wind, der Wellen schlägt in ihren grünen Schleiern und sanft auf flockigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflüstert? – Komm! – Schau die Sonne im Feuerpanzer ihre Pfeilstrahlen vom Bogen strömend ins ewige Blau. – Bald vom Wechsel der Wogen getragen, schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der Wind fährt daher zwischen türmenden Wellenbahnt Weg silbernen Göttern, die aufrauschend sich umschlingen mit Dir, nach himmlischen Rhytmen Dir