wenn ich ihn reite, was kommt mir doch so viel in den Kopf, was ich selbst gar nicht wissen mag – könnt ich nur immer von der Himmelsleiter des Übermuts herab unter die Philister speien. – Gute Nacht – das ist der vierte Tag, wo ich nichts von Dir weiss, jetzt, wenn morgen kein Brief kommt, so frag Dich doch selber, was ich dann denken soll. –
An die Bettine
Gestern abend kam ich von Hanau, wo ich drei Tage in prosaischen Geschäftsaufträgen verbrachte. Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen, und einer von Clemens, der nach Dir frägt, weil er die ganze Zeit nichts von Dir gehört habe, keine Antwort auf mehrere Briefe. Er meint, Du könntest krank sein, hast Du ihm denn gar nicht geschrieben? – Versäume doch nicht, gleich zu schreiben, er frägt nach Deinen Studien und meint, Dein Generalbasseifer, von dem Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben, sei wohl auch wieder ins Stocken geraten. Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen, und schilt mich einen Faselhans und klagt mich an, ich versäume Dich, ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen, als eben Dich ganz Dir selber überlassen. – Der Clemens meint, Du habest ein enormes Talent zu jeder Kunst, und es müsse die Steine am Wege erbarmen, Dich so dahinschlampen zu lassen, Deine Selbstzufriedenheit hänge davon ab, dass Du Dich mit Leib und Seel einmal dran gebest, es sei der Schlüssel Deines ganzen Lebens. – Ich darf ihm nicht sagen, dass Du ein Religionsstifter bist und die ganze Menschheit auf Dich genommen hast und willst sie lassen von der Luft leben und bildungslos dahertappen und willst nichts Gekochtes mehr essen, von lauter rohen Mohrrüben und Zwiebel leben und die Bratspiesse alle zum Teufel werfen und Dir das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten, und dass Deine Religion schweben solle, und dass Du in dem Gärtner einen adeligen Herrn entdeckt hast, das darf ich ihm doch alles nicht sagen. Was soll ich ihm denn sagen? – Da helf' mir doch einmal ein bisschen drauf. – Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen würden dem Clemens die Haare zu Berge stehen machen, und Dein zärtlicher Umgang mit dem Heiligen Geist, wie Du das nennst, den Du gleich einem Jagdhund witterst, das würde ihm unsägliche sorge machen. Er frägt mich, was Du mir schreibst, denn er wisse, dass ich enorm lange Briefe von Dir bekomme. Wo er das her weiss, das ist mir ein Rätsel, ich hab mit niemand davon gesprochen. Ich mein, dass der Clemens recht hat, denn wenn Du auch ein neues Leben ausgefunden hast, indem Du mit Dir selber zusammentriffst, wie Du sagst, so musst Du doch auch fühlen: so gut wie in jenen Naturerscheinungen, die Dein Genius, wie Du meinst, benutzt, um zu Dir zu gelangen, so würde er jede Kunst wohl auch benutzen dazu, wenn Du ihm nur die Pforte öffnen wolltest, aber der arme! Ich glaube, Du würdest ihn eher zerquetschen, ehe Du ihn da durchliessest. – Was Dich einen Augenblick anregt, wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt, das zerstreuest Du mit allem Fleiss wieder und gibst es den vier Winden preis. Du kannst nicht leugnen, dass die Musik mit allem, was Anregung in Dir bedurfte, übereinstimmt. Du hast mir selber geschrieben, Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu, eine Geige nimm und verstärke den Strom der Harmonien, sonst kannst Du nimmer glücklich werden. Dies war's oder doch was ganz Ähnliches, was Du mir vor vier Wochen geschrieben, und dass Du fühlest, die Musik sei der Urgeist aller Elemente und sie allein wecke den Geist im Menschen und Geist könne nur Musik sein, und was dergleichen prahlerische Gedanken mehr waren, die, wie ich sehe, aber gänzlich aus Deinem Kopf verschwunden sind. – Wo ist nun Dein musikalischer Urgeist jetzt hin? – Ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten, aber dass Du dem Geist, der Dir auf geheimen Wegen entgegenkommt, den Du so liebst, dass Du meinst, in allem sei nur er es, den Du je lieben werdest, dass Du dem zulieb nicht einmal eine Kunst üben willst, Dich zu nichts anstrengen, kein Buch lesen; nur spazierengehen, auf Dächer klettern und über die Hecken auf Nebelpfaden umherschweifen, schwebende Religionen zu erfinden, das ist ein wahrer Jammer! Wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen, was Clemens als meine Pflicht mir vorhält, aber Du stehst mir ja doch nicht Rede und haspelst wie ein Schmetterling über Dich selber hinaus. – Wie lang bleibst Du noch draussen? – Die Tonie lässt Dir sagen, sie werde Dich am Mittwoch abholen, abends um halb neun Uhr, auf einen Ball, den der Moritz in Niederrat gibt; sie konsultierte mit Marie und Claudine über Deine Kleidung, weil Du keinen Ballanzug in Offenbach hast, eine weisse Krepptunika, eine breite blaue Schärpe und blaue Achselschärpe, meinte Claudine, und was auf den Kopf? – Du trügest nichts auf dem Kopf, meint die Marie – ich will aber doch diesmal Dich auffordern, dass Du Dir einen Kranz von Aschenkraut aufsetzest, das muss gar gut stehen, der Moritz will Dir einen Strauss schicken. heute haben wir Samstag, am Mittwoch also, wenn Du nicht abschreibst.
An die Günderode