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in ihren Tiefen bewegte sich, wie von innerer Gärung gereizt, die unermessliche See. 6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresschoss, und Nebel stiegen auf und senkten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen berührten sie die gebärenden Wogen. 7. Und immer mannigfaltiger entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dortin getrieben, wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch. 8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen, verworrenen Träumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert hatte. 9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Schoss und sei wie andere Gestalten ihm entstiegen. – Ich schien mir ein Tropfen Taues, ich bewegte mich lustig in der Luft hin und wieder und freute mich, und mein Leben war, dass die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten. 10. Ich liess von den Lüften mich dahin tragen in raschen Zügen, ich gesellte mich zum Abendrot, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete seine Bahn. 11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehörte ich an, eine sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was ich fand, war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im Unendlichen. 12. Einst ward ich gewahr, dass alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren, wieder zu ihm zurückkehrten und in wechslenden Formen sich wieder erzeugten. Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewusst. Da dachte ich, meine sehnsucht sei auch, zurückzukehren zu der Quelle des Lebens. 13. Und da ich dies dachte und lebendiger fühlte als all mein Bewusstsein, ward plötzlich mein Gemüt wie mit betäubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewusstsein hatte ich überschritten, es war grösser, anders, und doch fühlte ich mich in ihm. 14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehörte mir mit an, ich dachte und fühlte, wogte im Meer, glänzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fühlte mich in allem und genoss alles in mir. 15. Drum wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht Tausende, es ist eins und alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, dass das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist eins, gehört sich selbst und ist Zeit und Ewigkeit zugleich und sichtbar und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

An die Günderode

Wie wir hier leben, das will ich Dir erzählen. Morgens kommen wir alle im Schlafzimmer von Savignys zusammen. Da wird gegalert und als ein bisschen Krieg mit Kopfkissen und Rouleaux geführt, und im Nebenzimmer wird gefrühstückt dabei. Wir nehmen uns zwar sehr in acht, den grossen Savigny zu treffen, aber er ist gescheut, wenn's Gefecht heiss wird, da zieht er sich zurück. Später zerstreut sich alles. Wir sind auch jetzt schon zweimal geritten, ich bin beidemal heruntergefallen, einmal wie wir bergauf ritten und einmal vor lachen. Nachmittags gehen wir manchmal in den Wald, und Savigny liest vor, da hab ich meine Not mit dem Zuhören, auf dem Waldrasen hab ich gar zu viel Zerstreuung, alle Augenblick ist ein Kräutchen oder ein Spinnchen oder ein Räupchen oder ein Sandsteinchen, oder ich bohr ein Löchelchen in die Erd und find allerlei da, der Savigny sagt, ich sei hoffärtig und wollt nicht zuhören, er kann's nicht leiden, drum setz ich mich hinter seinen Kopf, da merkt er's als nicht. Wir gehen auch als auf die Jagd, und ich nehm die kleine Flint, ich schiess aber immer, was Du wohl weisst, wonach ich immer auf die Jagd geh, Hirngespinste aus der Luft, gestern wollte mir der Bostel lehren, nach den Vögelchen zielen, ich schoss, und das Vögelchen fiel herunter, ich dachte gar nicht, dass ich's treffen würde, ich war sehr erschrokken, aber der Bostel machte so grossen Lärm von meinem scharfen blick, und die andern lobten mich alle, dass ich so gut ziele, dass ich meine Reue über diesen ersten Mord nicht merken liess. Ich nahm das Vögelchen in die Hand, wo es vollends erkaltete, in der Nachtstille hab ich's begraben unter dem Fenster von Deiner Schlafkammer und nicht ohne schwere Nachgedanken; wahrlich, ich hab es nicht mit Willen getan, aber doch mit Leichtsinn. Was liegt am Vogel, alle Jäger schiessen ihn ja! – Aber ich nicht, ich hätt es niemals getan, aus dem Laub, in seiner heiteren Lebenszeit den Vogel herunterzuschiessen, den Gott mit der Freiheit des Flugs begabt hat. Gott schenkt ihm die Flügel, und ich schiess ihn herunter, o nein, das stimmt nicht!

Eben kommt Dein Brief an, Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten? Ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel, Clemens