Vater des Stadion, der habe einen Löwen gehabt, der sei zahm gewesen, der habe nachts an seinem Bett geschlafen, da sei er eines Morgens aufgewacht, weil ihn der Löwe gar hart an der Hand leckte, da war er von seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt, und dem Löwen hat das Blut sehr gut geschmeckt, der Stadion hat sich nicht getraut, die Hand zurückzuziehen und hat mit der andern Hand nach einer geladnen Pistole gegriffen, die am Bett hing, und dem Löwen vor dem Kopf abgedrückt. – Und als die leute auf den Lärm hereingedrungen waren zu ihrem Herrn, da hat der Stadion über dem toten Löwen gelegen und ihn umhalst und ihn ganz starr angesehn, und hat einen grossen Schrei getan: "Ich hab meinen besten Freund gemordet", und da hat er sich mehrere Tage in sein Zimmer eingeschlossen, weil es ihn so sehr gekränkt hatte. – Ach, ich hätte dies Tier lieber nicht umgebracht und hätt auf seine Grossmut gebaut, ob der Löwe mich gefressen hätt, ich glaube's noch nicht, und mir wär lieber gewesen, die Geschicht wär nicht so ausgegangen. – Sie erzählte noch manches von ihm, was seine grosse Gegenwart des Geistes bewies, und sprach so weise über diese grosse Eigenschaft, dass ich ganz versunken war im Zuhören; sie sagte, dass die Menschen als lang sich abmühen, was Genie sei, sie kenne kein grösseres Genie als in dieser Macht über sich selber, und dass die endlich über alles sich ausbreite, da man alles beherrschen könne, wenn man sich selber nicht mit Zaum und Gebiss durchgehe, "wie du, kleines Mädele", sagte sie zu mir, "so steil hinansprengst mit den Füssen wie mit dem Geist und der Grossmama Schwindel machst"; – und wenn je grosse Herrscher gewesen, so wären sie durch diese Geisteskraft allein hervorgebildet worden, die sie in einem früheren Leben genötigt waren zu üben. – Die Grossmama glaubt, die Seele, das Wesen des Menschen gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben über, dieser Same sei, was er während einem Leben in sich reife und dann sich durch allmähliche Erkenntnis, durch geübtere Fähigkeiten immer in höhere Sphären erzeuge. Dann erzählte sie mir von dem Ahnherrn unseres Grossvaters, der im Dreissigjährigen Krieg sei auf dem Schlachtfeld gefunden, bei Duttlingen, wo die Franzosen eine grosse Niederlage erlitten, als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewickelt, und die Stange durch Brust und Leib gestossen und eingehauen, und sein Bruder auch tot über ihm gelegen, der hat die Fahne schützen wollen und mit seinem Leben bezahlt; sie waren in französischen Diensten, das hat der grosse Condé gesehen und gesagt: ferme comme une roche, da sie sonst Frank von Frankenstein geheissen, so haben sie jetzt sich genannt Laroche, weil der König der Witwe seines Bruders, der auch in jenem Gefecht geblieben, ein Landgut im Elsass geschenkt hat und ihnen drei Fahnen zu dem Fels ins Wappen gegeben, über diese letzte geschichte hab ich meine eignen Betrachtungen angestellt, eine so einfache und doch so grosse Handlung hab ich mir im Geist dargelegt, er war Fahnenjunker, dieser Ahne von mir, und haben eine unsterbliche Tat getan, beide Brüder, indem sie die Fahne, zu der sie geschworen, treu verteidigten, und liessen ihr Leben dafür, da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand, so schützte sie sein Bruder, der Wachtmeister war, noch im Tod mit seinem Leib, und retteten dem Heer die Fahne des Condé, dass sie nicht als Siegeszeichen in die hände des kaiserlichen Tilly komme, obschon sie von Geburt Deutsche waren. – Ein Schwur muss doch Erwecker einer grossen Kraft im Menschen sein, und die gewaltiger ist wie das irdische Leben. – Ich glaube, alles was gewaltiger ist wie das irdische Leben, macht den Geist unsterblich. – Ein Schwur ist wohl eine Verpflichtung, eine Gelobung, das Zeitliche ans Geistige, ans Unsterbliche zu setzen – da hab ich's gefunden, was ich mein, was der innerste Kern unserer schwebenden Religion sein müsst. – Ein jeder muss ein inneres Heiligtum haben, dem er schwört, und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen – denn Unsterblichkeit muss das Ziel sein, nicht der Himmel, den mag ich denken, wie ich will, so macht er mir Langeweile, und seine Herrlichkeit und Genuss lockt mich nicht, denn die wird man satt, aber Aufopferung und Not, die wird man nicht müde. – Und im Glück, im Genuss wird der Mensch nicht wachsen, in dem will er immer stille stehen. Und was ist denn das wahre, das einzige Fünklein Glück, was von dem grossen Götterherd herüber sprüht ins Leben? – Das ist Gefühl, dass Bedrängnis das Feuer aus dem Stahl im Blut schlägt, ja das ist's allein; – die geheime innerliche Überzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Kräfte, dass alles tätig und rasch sei in uns, einzugreifen mit dem Geist, und die eigne irdische natur wie ihr Besitztum und alles dran zu setzen. – Nun wohl, geistige Kraft, die die irdische zum eignen Dienst verwendet, die ist das einzige menschliche Glück. – Ja ich glaube, Besitz ist nur insofern Glücksgüter zu nennen, als sie uns gegeben sind, damit wir sie verleugnen können um der höheren Bedürfnisse der inneren Menschheit willen. – Dies Verleugnen, dies Dahingeben, dass