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Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon drei Uhr, wenn ich so fortschreib, ich glaube, ich brächt allerlei kuriose Sachen heraus, die mich selbst verwundern. – Ich wittre schon den Tag, mein Licht brennt ganz nüchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch für einen ganzen Tag zu denken geben, weil Du allein bist. – Aber jetzt muss ich erst von der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzählen. – Du schreibst, der Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf vierzehn Tag, wo ich noch hier bin, ein Gelübd getan und kann also Deiner Mahnung kein Gehör geben, sag's ihm, wenn Du ihn siehst. – Der Bernhards-Gärtner ist ein junger schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen, schwarze Wimpern, schwarze Haare und hat eine sanfte stimmezum wenigsten gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zurückhalten, der mich anbellte, da hatte er eine sehr kräftige stimme. – Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen, aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse übersehen wird. Ein Mensch von Rasse müsste seine Rasse auch unter der Sklaventracht wittern, aber das ist die Unechteit des Adels, denn gewiss ist, dass das echte Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumläuft, und doch will man nur das gelten lassen, was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte alle Menschen für unadelig, die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel. – Der Gärtner also, der mir immer Arbeit gibt morgens früh Du weisst, – ich hab ihm die abgeblühten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren umgesetzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geissblatt binden helfen, ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die Melonenräuber ausgebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer morgens früh tun helfen, wenn ich in der Früh zum Mainufer lief, weil ich schreiben wollt oder dichten für den Clemens, und es wollt nicht gehen, weil mir nichts einfiel, weil die natur zu gross ist, als dass man in ihrer Gegenwart sich erlaubte zu denken, da hab ich denn mit dem Gärtner lieber Erbsen gepflückt als auf der Lauer nach grossen Gedankenda hat mir der Gärtner als immer einen Strauss verehrt, erst recht schön voll und seltne Blumen, dann weniger und einfacher, ich denke, weil ich alle Tag kam, es wär ihm zu viel, aber zuletztes war grad am Tag, wo ich Zukkererbsen brach, da gab er mir bloss eine Rose und – – –

Morgens

Da hab ich so nachgedacht und bin drüber eingeschlafen. Die Rose hab ich mit ins Bett genommen. – Was soll sie im Glas langsam welkenüberall sollt man ein Heiligtum der natur mit herumtragen, das frei macht vom Bösen, wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfüllt sein, ich hab's lieb, das Röschen, mit dem ich geschlafen hab, – es war matt, nun hab ich's ins wasser gestellt, es erholt sich. – Ich bin so dumm, ich schreibe so einfältig Zeugder arme Gärtner. –

An die Günderode

Der Jud kommt heute um fünf Uhr und sagt, er hatte den Brief heute morgen im Stift abgegeben und hat nichts von Dir gehört, der ungeheure Esel musste heute wie ein Windspiel herumlaufen, er hätt müssen Paradiesäpfel zum Lauberhüttenfest einkaufen, da hätt er nicht warten können, der Kerl sah so närrisch aus, aus seinem Sack guckten lange Palmzweige über seinen Kopf, mit der einen Hand hielt er seinen langen Bart fest, mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von sich und schwört immer bei seinem Bart, und keuchte unter der Last; ich liess ihn eine Weile stehen, so gut gefiel's mir ihn anzusehen, ein Bild, wer's verstünd zu malen. Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der Lauberhüttenangelegenheit nicht können befördert werden; – wenn Du nur gesund bist wieder. – heute abend musst ich mit der Grossmama spazieren gehen, am Kanal im Mondschein. Sie erzählte mir aus ihrer Jugendzeit, wie sie noch mit dem Grosspapa in Wartausen beim alten Stadion wohnte, und wie der den Grosspapa weit lieber gehabt als die andern Söhne, und wie der ihn erzogen hat, gar wunderlich mit grosser Sorgfalt, er liess ihn als Jüngling von nicht achtzehn Jahren schon eine grosse und ausgebreitete politische Korrespondenz führen, er gab ihm Briefe von Kaiser und König, von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu beantworten, es kamen Verhandlungen über alle möglichen Staatsangelegenheiten vor, Handel, Schiffahrt, alte Anrechte, neue Forderungen, Länderteilung, Verrätereien, Umtriebe, Gefangennehmung grosser Personen, Mönchssachen, klösterliche Stiftungen, Geldangelegenheiten, kurz alles, was einem grossen Staatsminister obliegt zu untersuchen und zu ordnen, dies alles besprach der Stadion mit ihm, liess ihm seine Meinung drüber darstellenAufsätze darüber machen, dann mit eignem Beifügen von Bemerkungen liess er diese von ihm ins reine schreiben, Briefe an verschiedne Potentaten schreiben, namentlich führte er die Korrespondenz mit Maria Teresia, zuvörderst über Tronbesteigung, über Mitregentschaft ihres Gemahls, dann über die leere Schatzkammer, dann über die Heereskraft des Landes, über Missvergnügen des volkes, über die Ansprüche von Bayern an die östreichischen Erblande, und wie die Kurfürsten wollten die Erbfolge der