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ich heute hinausgekommenso sehr interessiert mich Dein Brief, Du hängst Dich an die Gipfel der Lebenshöhen wie das junge Gefieder und siehst Dich gleich um, wie am besten nach der Sonne zu steuern sei, dann zerstreuest Du Dich ebenso leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich die Woche noch, ich glaube, die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich kann mich nicht drein finden, wenn ich denke, dass ich Blut vergiessen soll, so wird mir übel. – Schreibe mir doch heute noch von der Schwebereligion, was das heissen soll, dass ich was zu denken und zu faseln hab, weil ich nichts anfangen kann und das Zimmer hüten muss.

Karoline

An die Günderode

Ach lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Gründen, denn (vielleicht): wenn einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein Held! Man kann gar nicht wissen, was so ein Eingriff in die natur für Verändrung im menschlichen Geist macht, und wozu er als die Fähigkeit verlieren kann. Ich bitte Dich, lasse nicht zur Ader, im Kloster, da, wenn der Tag kam, wo das Aderlassmännchen im Kalender steht, ich glaube, es war grad in der heissen Zeit wie jetzt, da liessen die Nonnen alle am linken Fuss zur Ader, da kam ein Chirurg, ich war immer im Anstaunen seiner Hässlichkeit verloren, er hiess Herr Has. – Eine alte Nonne sagte einmal, man könne in seine Pockengruben, in denen sehr viel erdiger Schmutz war, Kresse säen, so würde er einen grünen Bart bekommen, ich hielt also immer Kresse bereit und passte auf die gelegenheit, ihm den Samen einzustreuen, und habe auch einen Augenblick, wo er über dem Warten auf die Nonnen eingeschlafen war, benutzt, und Du magst's glauben oder nicht, die Kresse hat einen sehr günstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschiessen, man brauchte ihn nur mit Essig und Öl einzuseifen, so hatte man den trefflichsten Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt, Du gläubest nicht? – Aber hör, da fällt mir ein, esse doch eine recht tüchtige Schüssel voll Salat, das kühlt das Blut ab, aber wenn Du bei einer Entzündung noch Blut verlierst, so wird natürlich diese verstärkt, denn wenn Du ein Dippen mit wasser kochend hast und schütt'st einen teil davon weg, so kocht's viel stärker. – Die Hahnen krähen, es ist schon nach Mitternacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen früh, dass Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen, gleich fang ich von der Neureligion an, aber erst will ich Dir noch was erzählen, wie der Jud kam mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dachte ich auf was, was Dir recht gut wär, da dachte ich gleich, die Aprikosen in der Grossmama ihrem Garten müssten Dir gesund sein, da ging ich um die Bäum herum und erspähte die besten und lernte sie alle auswendig, wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen meiner Lektion, bis die Sonne unterging, denn bei Tag konnte ich sie nicht stehlen, ich musste warten, bis alles am Spieltisch sass, es war Dir das schönste Pläsier, diese Aprikosen zu stehlen, erstens die Angst ist ein wahrer Spass, das Herz klopfte mir so, ich musste so lachen vor Freud; Herzklopfen ist so was Angenehmes, und denn war's grad, als liessen sie sich recht gern stehlen, sie fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden, da warf ich sie hinein, zwanzig! – Ich war recht froh, wie ich sie all hatte und glücklich auf meiner stube war, da hab ich sie alle in die jungen Weinblätter gepackt, die sind vom zweiten Schuss und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite. Da liegen sie in der Schachtel und gucken mich an, als hätten sie Appetit auf einen Biss von meinem Mund, aber da wird nichts draus, sie sind all für Dich, sie müssen sich's vergehen lassen, von mir gespeist zu werden. Esse sie, Günderod, sie sind gut, Gott hat sie geschaffen für Entzündungen, damit die aus dem Blut wieder in den Geist zurückgehen soll, aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war ins Blut. Lass nur nicht zur Ader, denn wie gesagt, es ahnt mir, dass dadurch etwas im Menschen zugrunde gehen könne, vielleicht das echte Heldentum; wer weiss, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganzen Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und dass diese Tugend eben darum jetzt so rar ist. – Das Aderlassmännchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in den Kalender geschlichen, um die Menschen um das einzige zu betrügen, was ihm Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der übergeht in den Geist, und den fest macht, dass er tun kann, was er will. Weisheit und Tapferkeit! Der Mensch will immer die Weisheit, er hat aber den Mut nicht, sie durchzusetzen. Eins bedingt das andere, denn wenn der Mut dazu wäre, so wär auch die Weisheit da. Denn es ist nicht möglich, dass, wenn Kraft in der Seele ist, das Höchste zu tun, dass in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblühen sollte