sie hängen an dem, was sie nicht achten sollten, und verachten das, an dem sie hängen sollten.
Ach, ich hab eine sehnsucht, rein zu sein von diesen Fehlern. Ins Bad steigen und mich abwaschen von allen Verkehrteiten. Die ganze Welt kommt mir vor wie verrückt, und ich schussbartele immer so mit, und doch ist in mir eine stimme, die mich besser belehrt. – Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und streng danach leben und ihre gesetz entwickeln, wie sich ein junger Königssohn entwickelt, der einst der grösste Herrscher sollt werden der ganzen Welt. – So muss es sein, dass er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse, und dass sie müsse sich bessern. Ich glaube auch, dass Gott nur hat Königsstämme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der König hat Macht über alles, also erkennt der Mensch, der seinem öffentlichen Tun zusieht, wie schlecht er es anfängt, oder auch wenn er's gut macht, wie gross er selber sein könne. Dann steht grade der König so, dass ihm allein gelinge, was kein andrer vermag, ein genialer Herrscher reisst mit Gewalt sein Volk auf die Stufe, wohin es nie ohne ihn kommen würde. Also müssen wir unsere Religion ganz für den jungen Herrscher bilden. – O wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will ich schon fertig werden. Ach ich bitte Dich, nehm ein bisschen Herzensanteil dran, das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott, dann bin ich auch Dichter. Ich denke mir's so schön, alles mit Dir zu überlegen, wir gehen dann zusammen hier in der Grossmama ihrem Garten auf und ab, in den herrlichen Sommertagen, oder im Boskett, wo's so dunkle Laubgänge gibt, wenn wir simulieren, so gehen wir dortin und entfalten alles im Gespräch, dann schreibe ich's abends alles auf und schick Dir's mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn's die Menschen einst finden, sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben, es ist ein schöner Scherz, aber nehm's nur nicht für Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht zusammen denken über das Wohl und Bedürfnis der Menschheit?
Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andere nicht überlegen, als weil's der Menschheit fruchten soll, denn alles, was als Keim hervortreibt, aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, dass es endlich Frucht bringe, ich wüsste also daher nicht, warum wir nicht mit ziemlicher Gewissheit auf eine gute Ernte rechnen könnten, die der Menschheit gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. – Ach Gott, ich schlaf gar nicht mehr, gute Nacht, alleweil fällt mir ein, unsre Religion muss die Schwebereligion heissen, das sag ich Dir morgen.
Aber ein Gesetz in unserer Religion muss ich Dir hier gleich zur Beurteilung vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Nämlich: Der Mensch soll immer die grösste Handlung tun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen und sagen, dass jede Handlung eine grösste sein kann und soll. – Ach hör! – Ich sehe's schon im Geist, wenn wir erst ins Ratschlagen kommen, was wird das für Staubwolken geben. –
Wer nit bet, kan nit denken,
essen unsre Jünger Suppe draus. – Oder wir könnten auch auf die andre Schüssel malen: Wer nit denkt, lernt nit beten. Der Jud kommt, ich muss ihm eilig unsere Weltumwälzung in den Sack schieben, auch wir werden einst sagen können, was doch Gott für wunderbare Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst Du den St. Clair? – Grüss ihn.
An die Bettine
Oder am besten können wir sagen: Denken ist Beten, damit ist gleich was Gutes ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten, und das Beten mit dem Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen, Du bist ungeheuer listig und meinst, ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig, wie eines Seiltänzers, der sich darauf verlässt, dass er balancieren kann, oder einer, der Flügel hat und weiss, er kann sie ausbreiten, wenn der Windsturm ihn von der Höhe mit fortnimmt. übrigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen süssen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, dass ich das Opfer bin, was Du geschächtest hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fühl's, dass Du recht hast, und weiss, dass ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich innerlich für recht halte, äusserlich gegen die aus der Lüge hergeholten Gründe verteidigen, ich verstumme und bin beschämt grade, wo andre sich schämen müssten, und das geht so weit in mir, dass ich die Leute um Verzeihung bitte, die mir unrecht getan haben, aus Furcht, sie möchten's merken. So kann ich durchaus nicht ertragen