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den Himmel.

An die Günderode

Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben, dass ich Dein Gedicht an den Clemens geschickt hab nach Marburg, ich hab mir's aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir auch sagen, wie schön ich's find. Aber vor Dankbarkeit, dass ich Dich als Freundin hab, hab ich's versäumt. Aber Du siehst's doch im Brief gespiegelt, dass es Dein gross Herz ist, das mich rührt, und dass ich mich unwert halt, Deine Schuhriemen zu lösen. – Du wählst Dir einen schönen Gedanken und fügst ihn in Reime zu einem Ehrenmantel für den Clemens, ach, was hast Du da für eine schöne Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. – Gott schuf die Welt aus nichts, predigten immer die Nonnen, – da wollt ich immer wissen, wie das wardas konnten sie mir nicht sagen und hiessen mich schweigen, aber ich ging umher und schaute alle Kräuter an, als müsste ich finden, aus was sie geschaffen seien. – Jetzt weiss ich's, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir, Gott ist Poet, – jaso begreif ich ihnheute las ich bei der Grossmama aus dem Hemsterhuis vor: der Choiseil sagte: "Il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a crée d'après son image." Der d'Allaris meinte: "C'est fort singulier, monsieur, de se figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui- est fait pour des besoins et des fonctions terrestres auxquelles Dieu ne doit avoir aucun rapport, en raison de sa force et de son grand courage le mond entier devrait s'en aller en poussière si par exemple le bon Dieu s'amusait une seule foix a éternuer de bon cœur." – Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, so begreife ich dies so: Gott hat eine Persönlichkeit, die kann aber er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenüber, aber als Poet verschwindet ihm seine Persönlichkeit, sie löst sich auf in die Erfindung seiner Erzeugung. So ist Gott persönlich und auch nicht. Der Dichter stellt dies darder ist persönlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er erschafft mit dem Geist, was ganz ausser dem sinnlichen Dasein liegt, und doch ist es sinnlich, da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fühlen und genährt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre höhere Entwicklung ist, so löst der Dichter, wie Gott, seine Persönlichkeit auf durch sein Denken in eine höhere Form und bildet sich selbst in eine höhere Entwicklung hinüber. – Was sag ich Dir da? – Ach, ich hab's einen Augenblick verstanden, was Gott ist, als könnt ich's in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel, wie der Mond hervorschwippt und zerstreut mir die Gedanken, dass ich eben gar nichts mehr lesen kann, alles ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ich's festalten wollt, die sind verschwommen, ich hab's mit andern Worten müssen reden, es ist nicht recht, wie ich's gemeint hab. Ja, Gott lässt sich nicht fangen, ich dachte, ich hätt ihn schon. – Aber das eine hab ich behalten, dass Gott die Poesie ist, dass der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen ist, dass er also geborner Dichter ist, dass aber alle berufen sind und wenige auserwählt, das muss ich leider an mir selber erfahren, aber doch bin ich Dichter, obschon ich keinen Reim machen kann, ich fühl's, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an Bergen hinauf, da liegt ein Rhytmus in meiner Seele, nach dem muss ich denken, und meine Stimmung ändert sich im Takt. – Und denn, wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit fortreissen, da fühl ich mich erbärmlich und weiss nichts mehr als lauter dumm Zeug, fühlst Du das auch, dass dumme Menschen einem noch viel dummer machen, als sie selber sind, – die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen, ich sei dumm. Aber Herz, was mich versteht, komme nur, und ich will Dir ein Gastmahl geben, was Dich ehrt. – Aber hör doch nur weiter: – Alle grosse Handlung ist Dichtung, ist Verwandlung der Persönlichkeit in Gotteit, und welche Handlung nicht Dichtung ist, die ist nicht gross, aber gross ist alles, was mit dem Licht der Vernunft gefasst wirddas heisst: alles, was Du in seinem wahren Sinn fassest, das muss gross sein, und gewiss ist es, dass jeder solcher Gedanke eine Wurzel muss haben, die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume, die blüht im göttlichen Licht. Hervorgehen aus dem Seelengrund, nach Gottes Ebenbild, hinüber, hinauf in unsern Ursprung. Gelt, ich hab recht? – Und wenn es wahr ist, dass der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? – Ich begreif's nicht, alle Menschen sind anders als wie es so leicht wär zu sein; –