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Das heisst: sei mit andern, was Du willst, nur lass das uns nichts angehen. Wir müssen uns miteinander abschliessen, in der natur, da müssen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von Dingen, sondern eine grosse Sprache. Mit dem Lernen wird's nichts, ich kann's nicht brauchen, was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren, aber das, was grad nur uns zulieb geschieht, das möchte ich nicht versäumen, mit Dir auch zu erleben, und dann möchte ich auch mit Dir all das überflüssige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die grosse stimme der Poesie in uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Höflichkeit zuwider, die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat, als ob das unhöflich wär, dem auszuweichen, der einem nichts angeht; – wär die natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es könnte kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum blühen, alles ist die reine Folge der Grossmut in der natur, jede Kornähre, die den Samen doppelt spendet, gibt Zeugnis. Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie verkeimt. Jetzt fang ich an zu fühlen, zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich, wenn ich aufwache: "Lieber Gott, warum bin ich geboren", und jetzt weiss ich's, – darum, dass ich nicht so unsinnig sein soll, wie die andern sind, dass ich den reinen Pfad wandle, in meinem Herzen bezeichnet, für was hätt ihn der Finger Gottes mir eingeprägt und meine fünf Sinne in die Schule genommen, dass ein jeder ihn buchstabieren lerne, wenn es nicht wär diesen Weg zu bekennen. – Ja, man muss dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der natur vorschreiben, aber das Verleugnen eines grossen mächtigen Weltsinnes in uns ist immer Folge unseres Sittenlebens mit andern, das hängt sich einem an, dass man keinen freien Atemzug mehr tun kann, nicht gross denken, nicht gross fühlen aus lauter Höflichkeit und Sittlichkeit. Gross handeln, das dank einem der Teufel, das müsste von selbst geschehen, wenn alles natürlich im Leben zuging. Es ist eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Grossmut belegen, als ob nicht ein rasches selbsttätiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausströmen müsse, was man grosse Handlung nennt. –

Das mühselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht das Stöhnen der Liebe, das muss ich sagen, weil die Nachtigallen so süss stöhnen über mir. Vier Nachtigallen sind's, auch im vorigen Jahr waren's vier. Ja, lieben werde ich wohl nie, ich müsst mich vor den Nachtigallen schämen, dass ich's nicht könnt wie die. – Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust, in die Musikund in einen Ton hinein, so rein, so unschuldigso wahr und tiefwas keine Menschenseele weder durch die stimme noch durch das Instrument hervorbringen kann. Warum doch der Mensch erst singen lernen muss, während die Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht, tief ins Herz zu singen, ich hab noch gar keinen Gesang gehört von Menschen, der mich so berührt wie die Nachtigalleben dachte ich, weil ich ihnen so tief zuhör, ob sie mir wohl auch zuhören wollten, wie sie eine Pause machten, kaum heb ich die Stimm, da schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser Reich. Arien, Operngesänge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen Welt, es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch hingerissen von erhabner Musik, warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? – Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele gross zu sein. Das erquickt wie Tau, den eignen Genius die Ursprache führen zu hören, – nicht wahr? – O wir möchten auch so sein wie diese Töne, die rasch ihrem Ziele zuschreiten, ohne zu wanken. Da umfassen sie die Fülle, und dann, in jedem Rhytmus ein tief Geheimnis innerlicher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewiss, Melodien sind gottgeschaffne Wesen, die in sich fortleben, jeder Gedanke aus der Seele hervor lebendig, der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie erzeugen den Menschen. – Ach! Ach! Ach! – Da fällt mir ein Lindenblütchen auf die Nasund da regnet's ein bisschen; was schreibe ich doch hier dumm Zeug hin, und kann's kaum mehr lesen, jetzt dämmert's schon starkwie schön doch die natur ihren Schleier ausbreitetso licht, so durchsichtigjetzt fangen die Pflanzenseelen an umherzuschweifen, und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduftes kommt Well auf Well herüber geströmtes wird schon dunkelNachtigallen werden so eifrigsie schmettern recht in die Mondstille, – ach, wir wollen was recht Grosses tunwir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Weltlass uns eine Religion stiften für die Menschheit, bei der's ihr wieder wohl wirdein Sein mit GottDein Mahomet hat's mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege gebracht. – Ein bisschen Spazierenreiten in