ich sah seine Lippen beben, kein Mensch wusste, welchen Anteil er daran nahm, er nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und ging, und ich sah, dass ihm die Tränen in den Augen standen, Deinem Ritter.
An Clemens
Die Hirten lagen auf der Erde
Und schlummerten um Mitternacht,
Da kam mit freundlicher Gebärde
Ein Engel in der Himmelspracht.
Mit Sonnenglanz war er umgeben,
Und zu den Hirten neigt er sich,
Er sprach: "Geboren ist das Leben,
Euch offenbart der Himmel sich." –
Auch ich lag träumend auf der Erde,
Ihr dunkler Geist war schwer auf mir,
Da trat mit freundlicher Gebärde
Die heil'ge Poesie zu mir,
In ihrem Glanz warst Du verkläret,
Vertrauet mit der Geisterwelt,
Den Becher hattest Du geleeret,
Der Dich zu ihrem Chor gesellt.
Dein Lied war eine Strahlenkrone,
Die sich um Deine Stirne wand,
Die Töne eine Lebenssonne,
Erleuchtend der Verheissung Land
Der Liebe Reich hab ich gesehen
In Deiner Dichtung Abendrot;
Wie Moses auf des berges Höhen,
Als ihm der Herr zu schaun gebot;
Er sah das Ziel der Erdenwallen
Und mochte fürder nichts mehr sehen.
Wohin, wohin soll ich noch wallen,
Da ich das Heilige gesehen? –
An die Günderode
Ich hab mir's nicht gedacht, dass ich so sein könnt in diesen schönen Tagen. In Deinem Brief, Zeile für Zeile, lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich schwer. – Du redest von Dir, als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach und stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenüber, und alles, was wir miteinander besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst anders gesinnt und ich anders, und doch hast Du mich immer vertreten, ja gewisslich ich bin anders wie Du, ich fühl's auch heute aus jeder Zeile Deines briefes, die mir doch so wahr sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein gross Geheimnis, und bis alles ins Himmlische sich verwandelt, wieviel bleibt da unverstanden. Aber ganz verstanden sein, das deucht mir die wahre alleinige Metamorphose, die einzige Himmelfahrt. – Im Gartenhäuschen, wo wir vorm Jahr um die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben – also ein ganz Jahr sind wir schon gut Freund miteinander???!!! – – – Und so könnt ich fortfahren Zeichen zu machen der Verwunderung, des Stummseins, des Denkens – Seufzens, ja wenn ich ein Zeichen des Schauderns, der Tränen zu machen wüsste, so könnte ich die Blätter voll der merkwürdigsten Gefühle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben weiss. – Das Geissblatt, das da herabschwankt über die Latten, blüht dies Jahr viel üppiger. Weisst Du, das war unser erst Wort, ich sagte zu Dir: "Es war ein recht kalter Winter dies Jahr, der Hahnenfuss hat seine meisten Zweige erfroren, die Laube gibt wenig Schatten"; da sagtest Du: "Die Sonne gibt und die Laube nimmt, was sie nicht fassen kann vom Licht, das muss sie durchlassen zu uns," und dann sagtest Du, diese Pflanze sei schöner benannt Geissblatt als Hahnenfuss, weil man dabei eine schöne Ziege sich denke, die mit Anmut gewürzige Blumen fresse, und dass die natur für jedes geschöpf ein idealisch Leben darbiete. – Und wie die Elemente in ungestörter wirkung das Leben erzeugen, tragen, nähren und vollenden, so bereite sich im Genuss einer ungestörten Entwicklung abermal ein Element, in dem das Ideal des Geistes blühen, gedeihen und sich vollenden könne. – Und dann sagtest Du, ich solle mich doch weiss kleiden der natur zulieb, die rund um uns her so herrliche Blumen aufspriesse, dabei ein Kleid tragen zu wollen mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos und man müsse im Einklang leben wollen mit der natur, sonst könne die Knospe des Menschengeistes nicht aufblühen. – Ich dachte ein Weilchen über Deine Reden, so waren wir beide still – die Antwort war an mir – ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so weisheitsvoll vor, es schien mir Dein Denken wirklich mit der natur übereinzustimmen, und Dein Geist rage über die Menschen hinaus, wie die Wipfel voll duftiger Blüten im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immerfort streben in die Lüfte. Ja, Du kamst mir vor wie ein hoher Baum, von den Naturgeistern bewohnt und genährt. Und wie ich meine stimme hörte, die Dir antworten wollte, da schämte ich mich, als sei ihr Ton nicht edel genug für Dich. – Ich konnte's nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest: "Der Geist strömt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor, was die natur erzeugt, der Mensch habe Ehrfurcht vor der natur, weil sie die Mutter ist, die den Geist nährt mit dem, was sie ihm zu empfinden gibt." – Wie sehr hab ich an Dich gedacht und Deine Worte, und an Deine schwarzen Augenwimpern, die Dein blau auge decken, wie ich Dich gesehen hatte zum allererstenmal, und Dein freundlich Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: heute hab ich die Günderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott. – heute lese ich das wieder, und ich möchte Dir alles zulieb tun, und sag mir's lieber nicht, wenn Du mit andern Menschen auch gut bist.