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gegönnt und ich wär Dir zu Gefallen gerne mit Dir hingereist; St. Clair hatte uns begleiten wollen, und ich sagte auch der Marie nichts als, ich möchte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen, dort den kranken Hölderlin zu sehen, das war aber leider grad' das Verkehrte, sie meinte im Gegenteil, dahin solle ich Dich nicht mitnehmen, sie glaube, man müsse Dich hüten vor jeder Überspannungich musste doch lachen über diese wohlgemeinte Bemerkung, nun kam Tonie, der es Marie mitteilte, sie meinten, Du seist so blass gewesen im Frühjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft ausgesehen, nein, sagt Tonie, nicht krank, sondern geisterhaft, und wenn ich nicht wüsste, dass sie das natürlichste Mädchen wär, die immer noch ist wie ein unentwickeltes Kind, was noch gar nichts vom Leben weiss, so müsste man fürchten, sie habe eine geheime leidenschaft, aber hier in der Stadt befindet sie sich nur wohl in der Kinderstube, sie schleicht immer weg aus der Gesellschaft und vom Tisch und geht an die Wiege, nimmt die kleine Max heraus, hält sie wohl eine Stunde auf dem Schoss und freut sich an jedem Gesicht, das sie schneidet. Das Kind hatte die Röten, niemand kam zu mir. Sie allein sass stundenlang beim kind, es hat ihr nicht geschadet; sie kann alles aushalten, noch nie hab ich sie klagen hören über Kopfweh oder sonst etwas, wie lange hat sie bei der Claudine gewacht, kein Mensch könnte das, ich glaube, sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett gekommen, sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube und amüsiert sich köstlich, wo andre sich langweilen. Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein, denn ein gescheites Wort hab ich noch nie von ihr gehört, ihr Liebstes ist, den Franz zu erschrecken, alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort, wo sie ihn überraschen kann, letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt, ich dachte sie könne keine Minute da aushalten, nun dauerte es eine Viertelstunde, bis Franz kam, als der im Bett lag, schwang sie sich herunter, ich dachte sie bricht den Hals, wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem Zimmer bringen. – Über dieser Erzählung war Lotte gekommen, die behauptete ernstaft, Du hättest Anlage zum Veitstanz. Deine Blässe deute darauf, Du klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefährliche Orte, und letzt wärt Ihr im Mondschein noch um die Tore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin, bald her Dich wendend, ohne nur ein einzigmal zu fallen, und der Hohenfeld auch, habe gesagt, das ging nicht mit natürlichen Dingen zu. Kaum hatte Lotte ihre geschichte, wo immer der Refrain war, Mangel an historischem Sinn und keine Logik, geendet, so trat Ebel ein, er wurde auch konsultiert wegen der Fahrt nach Homburg (ach hätt ich doch nicht in dies Wespennest geschlagen), der fing erst recht an zu perorieren, der wusste alles: "um Gottes willen nicht", Lotte sass im Sessel und sekundierte; nein um Gottes willen nicht, man muss logisch sein. Ebel sagte: Wahnsinn steckt an, ja sagt L.: besonders, wenn man so viel Anlage hat. Nun Lotte, Du machst's zu arg, sie kann wohl dumm sein, und das ist noch die Frage, denn sie ist eigentlich weder dumm noch gescheit, oder vielmehr ist sie beides, dumm und gescheit. – Ebel aber sagte: ich muss hier als Naturphilosoph sprechen, sie ist ein ganz apartes Wesen, das von der natur zu viel elektrischen Stoff mitbekommen, sie ist wie ein Blitzableiter, wer ihr nahe ist beim Gewitter, der kann's empfinden, er war nämlich letzt auf der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz im stärksten Platzregen trotz Schuh und Strümpfen bloss wegen Dir aus dem Wagen und im kurzärmeligen Rock querfeldein nach haus gesprungen. Die Tonie sagte ihm dies, und er gestand es ein, es sei Furcht gewesen, das Gewitter könne durch Deine elektrische natur angezogen werden, er glaubt steif und fest, der Schlag sei so dicht vor den Pferden niedergefahren, weil Du in Deiner Begeistrung zu viel Elektrizität ausströmtest. – Der arme Freund, seine Rockärmel sind vom Regen noch mehr verkürzt. – Lotte behauptete, es sei unlogisch von Ebel zu sagen, Begeisterung, denn dazu müsse ein logischer Grund sein und der sei in Deiner Seele nicht zu finden. – Dabei kam St. Clair auch zur Teestunde, ich hatte ihn hinbestellt, um zu hören wie der Versuch ausfallen werde, wär's gelungen, so hätten wir Dich heute überrascht und Dich gleich mit dem Wagen abgeholt, aber Franz kam herauf und George, denen wurde es vorgetragen. Lotte behauptete fort und fort, es würde das Unlogischste der Welt sein, Dich hingehen zu lassen, denn trotz Deiner Unweisheit, Faselei und gänzlichem Mangel usw. seist Du doch sehr exzentrisch, und es wurde einmütig beschlossen, Du sollest nicht mit; Tonie behauptete noch, Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die Seele gebunden, und der würde ihr ein unangenehmes Konzert machen, wenn sie ihren Beifall dazu gäbe. – Ich weiss einen, der ihnen allen gern die Hälse herumgedreht hätte, das war St. Clair, er war so ernst, er tat den Mund nicht auf, aber