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verblühen, das will ich nicht, weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedanken auf zu Dir von selbst. Ja sie kommen sogar zwischen uns, wenn ich mit Dir bin. Du bist eben gar nicht wie ein Mensch, der mich fassen und halten will, Du bist wie die Luft, der Sonnenstrahl fährt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell bist Du.

Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Meister im Abendschein, eine Vision des Philistertums, in dessen Geist sie versammelt waren.

In der Bibliotek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden; der blecherne lackierte Kerl, der heute aus Homburg herüberkam, der G.r.g., der die Welt durchs Perspektiv beguckt, um alles zu durchschauen (zufällig passiert nichts vorm Guckloch), erklärt den Stein für antik, sonst wollt die Grossmama mir ihn schon schenken für Dich. – Daphnis, vom Apoll verfolgt, wurzelt fest mit der flüchtigen Sohle und spriesst in Lorbeer auf. Das passt so schön auf Dich. Dein Schicksal, Du siehst's vor Augen. Geliebt, verfolgt, umfangen vom Gott der Musen, und dann, ewig immerdar goldne Keime aufschossend, und der Dichter reiner Orden, der Dich umwandelt, mit Dir sich zu berühren, das ist kein Philistertum, solche Geschicke wie heilige Gefässe umfassten ein Menschenleben zur Zeit der Griechen. (Ist mir doch, als spräch ich mit Deinen Lippen.) Aber heute! Aber ichmein Kopf ein Feld, das brach liegtich wandle zwischen Hecken, sehe jede Erdscholle benutzt, der Salatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben drüber, und mir bangt, dass ich nicht angepflanzt bin, ich denke, dass Du Dir Müh gibst mit mir, dass es nichts hilft. Nachts denke ich als, wenn die Sonn aufgeht, will ich lernen, am Tag wollt ich, die Nacht käm doch, dass ich allein wär und könnt mich selbst verstehen, ich armes Käuzlein kleine.

Und stiftete das grosse Medopersische Reich. – Da sind wir geblieben, da hab ich ein gross Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem Rachen, fräss es doch die ganze alte geschichte mit samt dem Arenswald auf. Ich war so froh über die Pfingsttageeine ganze Woche war er ausgeblieben, ich hatte mich so schön entwöhnt! – Die Perser, von den Griechen Cephonen genannt, von Cepheo, dem Sohne Belli, dessen Tochter Andromeda Perseus, der Sohn Jupiters und der Danae, geehelicht, ich glaube, der Kerl hat gefaukelt, ich mein den Geschichtslehrer. Wird ein Götterjüngling ein Philister sein und ehelichen. Indes meldet Arenswald einen Sprössling dieser Ehe, der das Cephonenland beherrscht unter dem Namen Persien, Cyrus vereint's mit Medien, erobert Babylon, Kleinasien, bleibt in der Schlacht gegen die Königin der Masageten. Ich frag gar nicht mehr, wer und woherwer kann das Volk all im Kopf behalten! – 3458, Kambyses erobert Ägypten, bekriegt die Ätioper, der Magier Smerdis schwingt sich auf den Tron und hätt das Land bezaubern können, die Grossen des Reichs, zu eselhaft, von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, enttronten ihn durch Mord. – 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Trazien, Mazedonien, Indien. – Sein Sohn Xerxes bezwingt Ägypten im Aufruhr, zieht gegen Griechenland, wird besiegtheimkehrend ermordet. Artaxerxes schliesst Frieden, sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom zweiten Xerxes unterjocht, Sogdian aber mordet seinen Burder Xerxem, Ochus aber mordet seinen Bruder Sogdian, beherrscht als zweiter Darius Persien, der zweite Artaxerxes aber mordet seinen Bruder Ochus, zerstört das Reich, der dritte Artaxerxes aber mordet seine Brüder alle, erobert Ägypten, Togoas aber ermordet den dritten Artaxerxem. – Togoas aber mordet dessen Sohn Aëstes und den grössten teil der königlichen Familie, damit's gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers), der Stattalter aber mordet den letzten Königssprössling Darius Kodomanus. Zweihundertfünfundzwanzig Jahr bestand die Fürstenschlachtbank von Persien. Alexander kommt und beherrscht's 3654. – Der Lehrer sieht mir den Ärger über seine lederne geschichte an, reisst aus, Gott weiss, wie's zuging, dass die Tür seine Hosen fasste, es blieb ein Fetzen dran hängen, jetzt muss ich ihm für seine Mordlitanei noch eine Gratifikation geben, damit er sich ein paar neue kaufen kann. – Clemens verfolgt mich mit Bitten, dass ich Bücher oder Verse oder Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll. – Da hast Du seinen Brief. – Der Abgrund der vermoderten geschichte unter mir, der unerreichbare Sternenhimmel über mirund nachts Gedanken, die mir den Kopf zerbrechen.

(Am 10.)

heute morgen hab ich Deinen Brief beim Frühstück der Grossmama vorgelesen, sie ist schon so alt, sie nimmt's all mit ins Grab, sie hat Dich so lieb, sie sagt, Du wärst die edelste Kreatur, die sie je gesehen, und dann sprach sie von Deiner Anmut; sie spricht immer schwäbisch, wenn sie recht heiter ist. "Siehst, Mädele, wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist." – Sie ist wirklich liebreizend, und da las ich ihr auch meinen Brief vor, sie sagt, "Du bischt halter e verkehrt's Dingele," und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis doch geschenkt für Dich, ich lasse ihn fassen, Du