wollte die Lotte nicht zugeben und meinte, es sei lächerlich nur ihn als Brief zu rühmen, der Clemens verdrehe Dir den Kopf. Der Brief lautete wie folgt, da magst Du selbst Dich beurteilen: "Lieber Papa! Nix – die Link (da war eine Hand mit der Feder gezeichnet) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein Herz, die Recht (wieder eine Hand gemalt) um den Papa sein Hals. Wenn ich keine Händ hab, kann ich nit schreiben.
Ihre liebe Tochter Bettine
Fritzlar 1796 am 4 ten April"
Was mich verstimmte, war, dass die Lotte den Brief fortwährend mit gellender stimme vortrug und die Dummheit eines achtjährigen Kindes und die Liebe des verstorbenen Vaters nicht schonte, ich warf dem St. Clair vor, dass er ihn herausgegeben hatte. "Ach!" sagte er, "ich hab's schon hundertmal bereut. – Man kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson: Bettine, Philister über dir, zum Glück liegt ihre Stärke nicht in den Locken, die man abschneiden kann, sondern im Geist, und der wird sich nicht gefangengeben." Gelt, das ist ein gut Geschichtchen, ich glaube, der St. Clair liebt Dich, die Lotte meinte, Du habest letzt auf der Gerbermühl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen.
An die Günderode
Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein Mann, der war aus der Fremde gekommen, ich glaube, es war die Schweiz, der tat Wunder mit seiner Willenskraft, bei Tisch war viel die Rede, er könne mit seinem blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, dass die ihm dann über ihre Krankheit im Schlaf mitteilen, wie man sie heilen könne, und dass sie auch hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts mehr davon wissen – dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles, da die Leute so unheimlich von ihm sprachen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnte ich in seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte, er kam auf mich zu und reichte mir ein paar Erdbeeren über die Wand und sagte: "Esse sie mit Bedacht und koste sie recht, so hast du mehr davon, als wenn du einen ganzen Korb voll unbedachtsam isst." – Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und ass eine nach der andern, verwundert über den freundlichen Mann. Und am andern Tag, wie ich ihn im Garten wandeln sah, ging ich wieder hin, er kam und reichte mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: "Die Erdbeeren hab ich geschmeckt." "So? – Nach was schmeckten sie denn?" – "Nach schönem Wetter und ganz fruchtbarem Erdboden." – Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: "Jetzt ist's zu dunkel, aber morgen, bei Tag, nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von einer Blume und halte es so, dass die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst du eine Menge Gefässe drin erkennen, die vom Licht durchströmt sind; so ist es auch mit deinem kleinen Kopf, er ist geeignet, dass das Licht leichtlich durchströme und dich reife, dass du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schönem Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen." – Ich sagte ihm, dass ich gehört habe, er schaue mit seinem Willen in die Menschen, dass sie denken müssen, was er wolle. – Er sagte: "Ja, ich will immer, dass sie die Wahrheit denken von sich – und da folgen sie ganz leicht, weil es ihrer natur gemäss ist; von dir will ich auch, dass du die Wahrheit denkst, die dir gemäss ist, wenn du dem folgst, wirst du so manches in dir erleben, was dir vollauf genügt." – Ich redete noch mehr mit ihm – er sagte ein paarmal: "Du tust recht wunderliche fragen, aber ich muss immer ja dazu sagen, denn sie sind wahr." Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehört, er war wenige Tage darauf weggezogen, man wusste nicht wohin. – Es wurde noch mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betrüger, ich nahm mir das nicht an, ich hielt am Wort, was er mir gesagt hatte, dass die Sonne und Mond mich wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den andern, die beim Erwachen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen, was ich mir doch gewiss vorgenommen hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so Gedanken kommen, die mich belehren, da denke ich manchmal auf den Mann zurück, ich möchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer weiter, und um den nächsten nicht zu versäumen, muss ich den früheren aufgeben, so ist's, dass ich nicht anders kann; es muss doch so in der natur des Lichts liegen, was den Menschen durchströmt und ihn nährt, wie die Sonnenstrahlen die Pflanze – dass das frische Licht immer das frühere verdrängt, wie im Strom eine Welle die andere, so mag es denn hingehen, dass ich kein Buch schreiben kann, wie der Clemens will, ich müsst ein Herbarium machen und sie trocknen, dass ich sie könnt nebeneinander hinlegen, unterdessen würden so manche Blumen